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Heidenland: Der Papstdarsteller lässt einen zweiten Turm zu Babel in Petersburg errichten.

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Mittwoch, 7. November 2018, 20:25

Des Schelmenromans zweiter Teil: "Neues vom Theodul"


Enrico Palazzo, Honoratior zu Rom

Durch ein seltsam-merkwürdiges Schreiben war Rom zur Kenntnis gelangt, dass der Laiendarsteller Theodoulos Philanthropenos, der sich für den Papst hielt, beim Zusammenbruch von König Ottos Armee doch nicht untergegangen war. Der römische Kleinhändler Enrico Palazzo hatte mit dem Stoff bereits ein Vermögen gemacht und war mittlerweile zu einem der angesehensten Bürger Roms geworden, der bei Adeligen und Patriziern ein und aus ging; selbst der (echte) Papst hatte ihn zwischenzeitlich einmal zu einer Audienz empfangen, wo sich Ioannes XII. köstlich amüsiert hatte. Der Weg Palazzos zum Ruhm war über eine zunächst ganz zufällige Eingebung, dann über die Veröffentlichung des Schelmenromans "Der abentheuerliche Theodoul" und schließlich über das Mysterienspiel "Der Landschelm Theodul" vonstatten gegangen. Palazzo hatte ein Stadtpalais erworben und lebte nun wie ein halber Fürst. Bereits mehrere Heiratsanträge von Damen aus gutem Hause waren eingegangen, doch war Enrico wählerisch und nahm nicht jede Dahergelaufene. Jung musste sie schon sein, maximal zwanzig, und hübsch.

Jedenfalls bot sich nun unerwartet neuer Schreibstoff für die lang geplante Fortsetzung des Schelmenromans. Das einzige Problem ergab sich dadurch, dass Theodul in besagtem Mysterienspiel am Ende zur Hölle gefahren war. Lange überlegte Palazzo, wie er dieses Logikproblem beheben konnte. Schließlich kam ihm die Lösung beim Leeren eines zwei Liter fassenden Dopplers Rotwein. Sogleich ging Palazzo in einem Anflug von Arbeitseifer daran, den zweiten Teil des Romans anzufertigen. Schließlich vergingen nur fünf Tage, ehe er das Machwerk vollendet hatte. Immerhin 200 Seiten war es stark und angereichert durch schwülstige Formulierungen und stetige Wiederholungen, insgesamt kein Anwärter für den noch nicht existenten Literaturnobelpreis, doch gut genug, um den von Palazzo geplanten Erwerb einer Villa auf dem Lande nahe bei Rom voranzutreiben.

So begab sich Enrico Palazzo auf den Marktplatz, mittlerweile natürlich nicht mehr allein, sondern umgeben von zahlreichen Dienern, die den Stand aufbauten, der an Größe die bisherigen Dimensionen weit übertraf. So erhöht, konnte jeder den geschickten Händler erspähen, als er sein Buch anpries.

"Hört ihr Leut' und lasst euch sagen: Die Uhr hat soeben zwölf geschlagen", begann er und deutete auf den großen Glockenturm in der Nähe. "Wie wir stolzen Römer seit kurzem wissen, ist der Landschelm Theodul, der sich Papst dünkt, noch nicht untergegangen. So will ich euch hier und heute die Fortsetzung des Schelmenromans präsentieren, auf die Rom und der ganze Erdkreis bereits begierig wartet."

Eine große Menschenansammlung hatte sich gebildet und jubilierte, als sie den beliebten Palazzo sahen, der diese literarische Hochkultur förderte. So begann Palazzo also und las den langen vollen Titel des Buches vor:

"Neues vom Theodul. Das ist: Der zweyte Theil der Beschreibung deß Lebens des selzamen Vaganten / genannt Theodul Philanthropen / der da zur Hölle gefahren / dort aber nicht erwünscht und dahero wiederum fortgeschickt ward / auff dass er auf hiesigem Erdkreis weiter Anlass gebe zur Belustigung der frommen Menschheytt. Wiederum überaus lustig und erquicklich zu lesen. Erzählet von und gedruckt bey Enrico Palazzo zu Rom im Jahre 951 cum privilegio Sr. Heiligkeit Papst Ioannes XII."

Großer Beifall und bereits einige Lacher in der Menge. Palazzo trug dann einige markante Stellen aus dem Werk vor, der das Volk weiter erheiterte und zum Kauf anregte.

"Und so kam es, dass der (un)heilige Vater auf die Idee kam, einen Turm zu errichten, der jenen zu Babel noch an Größe übertreffen sollte. Hierzu ließ er einen drittklassigen Baumeister anrücken, der dieses Machwerk in die Tat umsetzen sollte. Dies alles geschah an einem Orte, den kein anständiger Mensch kennt, der sich aber in Verkennung seiner Bedeutungslosigkeit Petersburg, im Volksmund auch Persburg oder Peterspopel nennt. Dieses Kaff nämlich lag in einem Lande, das von wilden Heiden, die man Wenden nannte, bevölkert war. Denn einzig dort besaß der vorgebliche Papst noch so etwas wie Anhänger, die aber vielmehr den eigenen Vorteil suchten und sich die scheinbare Prominenz des verwirrten Mannes zunutze machten. So ersuchte ein angeblicher Fürst, der behauptete aus demselben Hause zu stammen wie unser Heiliger Vater zu Rom, um die Zusendung einer großen Summe Geldes, um den wahnwitzigen Turmbau voranzutreiben."

Die Leute konnten die Lacher nicht mehr unterdrücken und waren derart angetan, dass sich sogleich eine lange Schlange am Stand bildete, um den Schelmenroman zu erwerben. Da es sich mittlerweile um massenhaft angefertigte Drucke handelte, die auf windigstem Papier waren, konnte Enrico Palazzo den Schinken für 200 Folles vertreiben und machte dennoch Gewinn. Das päpstliche Privileg überzeugte wohl die letzten Zweifler (ein Zehntel des Gewinns floss dafür an den Papst). Bereits am ersten Tage war die Auflage vollständig ausverkauft, so dass sogleich eine zweite, noch größere erfolgen musste. Palazzo war wieder einem goldrichtig gelegen und verdiente sich eine goldene Nase dank Theodul, dem Landschelm.

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