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Dienstag, 30. Oktober 2018, 16:57

Eine Begegnung zwischen Autokrator und einem seiner Getreuen

Nach dem Festumzug kehrte man zum Palast zurück. Im Innenhof stiegen die Manglabites von den Pferden. Einer der Stallburschen führte Feuerherz in den Stall. Kyrakos nahm seinen Helm ab und wischte mit dem Unterarm über sein Gesicht. Er fühlte sich erleichtert, dass es zu keinem Zwischenfall gekommen war. Eine unsagbare Last fiel wohl nicht nur ihm von den Schultern, sondern auch seinen Kameraden. Sie waren ein recht ungewöhnlicher Haufen, wenn man sie so betrachtete. Zum Beispiel etwa wegen des Größenunterschiedes zwischen Ivar und Kyriakos, die von der Statur eben nicht unterschiedlicher sein konnten, mindestens einen Kopf an Größe Unterschied aufwiesen und einer von ihnen war ein Nordmann und andersgläubig, der andere Grieche und Christ.
Mit einem Mal bemerkte er mehr aus dem Augenwinkel ein Kind auf ein Pferd zugehen und ein anderes wurde unruhig, scharrte mit den Hufen.
Langsam ging der Manglabites auf den Jungen und das Pferd zu. Hatte er den Jungen heute nicht schon gesehen? War das nicht der Thronfolger Alexandros? Eines der anderen Kinder, die der Kaiser adoptiert hatte? Genauso gut konnte es sich um ein irgendein Kind handeln, dessen adliger Vater hier im Palast zu tun hatte. Eine wirkliche Rolle spielte das nicht, aber eigentlich sollte er nicht allein hier umher laufen, vermutlich war er einfach aus gebüchst, solches Verhalten kannte er von seinem Neffen nur zu gut
Auf jeden Fall war der Knabe vornehm gekleidet, doch in dem Fall achtete er darauf anfangs weniger und widmete sich dem Hengst und darum, ihn zu beruhigen, bevor das Pferd beschloss sich loszureißen und durchzugehen. Einem Kameraden reichte er seinen Helm. Leise flüsternd sprach er auf den Hengst ein, strich über Nüstern und Hals und wirkte beruhigend auf das Tier ein.

Nachdem ihm das gelungen war, kniete er sich hin, um mit dem Jungen mehr auf einer Höhe zu sein und nicht von oben herab ihm etwas zu erklären.
„Ich nehme an, Ihr habt der Parade auch bei gewohnt, Euer Hoheit?“ Erkundigte er sich in ruhigem Ton und mit angenehmer Stimme. Als der Junge nickte, fuhr er fort zu erklären. „Es war recht laut, richtig?“ Erneut bestätigte der Junge dieses mit einem Kopfnicken. „Zuerst: Ihr habt alles richtig gemacht, indem Ihr Euch von vorne genährt habt, Euer Hoheit. Für die Pferde war das sehr anstrengend: Die Lautstärke, die vielen Menschen und das ganze Tamtam. Zwar sind die Pferde trainiert, aber dennoch schadet es nicht, sie zu beobachten, wenn man sich ihnen nähert. Sie zeigen, dass sie erschöpft sind oder ob sie es zulassen möchten. Nur weil sie geübt sind, bedeutet das noch lange nicht, dass immer alles gut gehen muss. Das ist wie mit Hunden: Kleine Hunde können beißen und große Hunde auch bellen und glaubt mir, das hab ich gesehen, ich schwöre.“ Vergnügt zwinkerte der Gardist dem Jungen zu.
Plötzlich kamen von irgendwoher Pfeile geflogen. Umgehend bildeten die Männer einen menschlichen Schutzschild um den Knaben. Kyriakos schnappte sich den Jungen, schütze ihn mit seinem Schild und mit Hilfe einiger Kameraden brachte er ihn in den Palast, nicht ganz ohne dabei selbst verletzt zu werden, denn zwei Pfeile trafen den Gardisten und zudem brach eine noch nicht ganz verheilte Verletzung wieder auf. Doch der Adrenalinschub in den Soldaten ließ sie nicht inne halten, bis das der Junge in Sicherheit war. Der Manglabites war nur einer von wenigstens fünf weiteren Manglabitai, welcher an diesem Tage verletzt wurde und zwei starben durch Pfeile, welche Kehle oder Halsschlagader trafen. Als sie den Knaben in Sicherheit gebracht hatten, brach Kyriakos bewusstlos zusammen wegen seiner Verletzungen und des Blutverlustes.

Als er wieder zu sich kam, befand er sich in seinen Gemächern, welche er im Palast bewohnte. Ärzte huschten um ihn herum, um ihn zu versorgen. Viel bekam er nicht mit. Das Fieber breitete sich aus und nahm Besitz von ihm. Einige Tage war er nicht in der Lage das Bett zu verlassen und danach sorgte seine Frau Athina dafür, dass er sich schonte und nicht übernahm. Mittlerweile hielt er sich nicht mehr in den Gemächern des kaiserlichen Palastes auf, sondern man hatte ihn nach Hause gebracht, in sein Haus in der Region IV, kaum das er transportfähig und über den Berg war. Der Grund lag eigentlich auf der Hand: Seine Frau befürchtete, dass der Gardist bei der ersten, besten Möglichkeit, die sich ihm bot, seinen Dienst wieder antrat oder sich mit seinen Kameraden traf und dies ihn leichtsinnig und leichtfertig werden ließ, etwa weil er auf die Idee kam, wieder fit genug zu sein, um trainieren zu können. Abwegig war diese Überlegung keineswegs und so schaffte es Kyriakos tatsächlich nach ungefähr zwei Wochen, sich aus dem Haus zu schleichen und natürlich führten ihn seine Schritte direkt zum Palast. Athina war nicht zu Hause, so dass von dieser Seite nichts zu befürchten war und wer sonst sollte ihn schon aufhalten, immerhin handelte es sich bei seiner Person um den Hausherrn. Nur weil sein Zustand sich zwischenzeitlich deutlich verbesserte, er das Bett verlassen konnte und seid drei Tagen ihm auch die Luft im Garten gut tat, wagte es Athina ihren Mann für ein paar Stunden allein zu lassen. Just witterte der Gardist seine Chance und sagte dem Personal, er gedenke einen Spaziergang zu machen und bekam nun prompt vom Diener die Predigt seiner Frau vorgetragen. „Du bist weder meine Frau noch in der Position, mir einen Vortag über meine Gesundheit zu machen.“ Mit diesen Worten ließ er den Bediensteten stehen und trollte sich von dannen.

Im Palast unterhielt er sich hier und da mit einem Kameraden, erfuhr den neuesten Klatsch und Tratsch und das Geschehen der letzten Tage. Hernach suchte er seinen Hengst Feuerherz auf und bekam dort prompt Besuch und zwar genau von dem Jungen, den er schon vor zwei Wochen traf und womöglich das Leben rettete. Natürlich hielt er es von Vorteil, dass der Junge noch sehr jung war und dessen Worte man als Geplapper eines Kindes abtun konnte. Fröhlich und leutselig plapperte der Junge los und war scheinbar glücklich, den Gardisten wieder zu treffen.
Schließlich bat der Junge um eine Geschichte. Also hob Kyriakos ihn mit dem linken Arm hoch, denn dieser funktionierte einwandfrei und meinte: „Die Sonne scheint, also gehen wir besser in den Garten, als hier im Stall zu bleiben, einverstanden?“ Da der Junge nickte, begaben sie sich in den kaiserlichen Garten, wo auf einer der Bänke Kissen lagen. Dort setzte er den Jungen auf eines der Kissen.
Kyriakos legte zwei Kissen auf den Boden und setzte sich auf den Boden, aus dem einfachen Grund, da er noch immer annahm, dass der Junge vom Stand her über ihm stehen konnte und wenn irgendjemand auftauchte, gab es wenigstens diesbezüglich keinerlei Missverständnisse. Nach einigem Überlegen, der Junge begann schon hin und her zu rutschen, erzählte er die Geschichte vom Wettlauf zwischen Hase und Igel. Ein Vorteil wenn man ältere Geschwister besaß, war dann doch der, dass man sich im Umgang mit Kindern bei Nichten und Neffen einige Übung verschaffen konnte.
Der Soldat bekam nicht mit, dass er bereits seid geraumer Zeit von zwei Menschen beobachtet wurde: Seiner Frau Athina und dem Kaiser Romanos.
Sein rechter Arm steckte nicht im Ärmel, die Ärzte hatten ihn am Körper festgebunden, damit er sich eben nur eingeschränkt bewegen konnte und auch die alte Narbe an seinem Oberkörper nicht wieder aufriss, welche sich gerade wieder geschlossen hatte, aber noch Zeit brauchte, um ganz auszuheilen. Natürlich passte das, dem sonst so aktiven Kyriakos keineswegs. Er fühlte sich eingeschränkt und eingeengt. Dummerweise befand sich der Knoten so versteckt hinter den rechten Arm, dass er sich nicht allein befreien konnte, außer natürlich mit einer Klinge, aber das gäbe wieder nervtötende Diskussionen sowohl mit den Ärzten als auch mit seiner besorgten Frau, wobei er es bei Athina schon nachvollziehen konnte und auch durchaus Verständnis aufbrachte, aber glücklich wurde er mit der Situation trotzdem nicht. Einige Bewegungen zwickten und zwackten noch immer und verdeutlichten nur die Berechtigung der Maßnahme, denn sonst säße er zumindest wieder im Sattel für einen Ausritt, doch selbst dieses Vergnügen hatte man ihm verboten.
Der Zeitvertreib mit dem Jungen wirkte sich durchaus positiv auf sein Gemüt aus und seid Tagen empfand er mal Zufriedenheit, weil er etwas nützliches tat. „So und nun sollten wir mal schauen, wer sich denn für Euch verantwortlich fühlt, bevor wir beide noch einen Heiden Ärger bekommen und der halbe Palast auf den Kopf gestellt wird, weil man Euch sucht.“
Der Gardist fühlte sich eingerostet, weil er nicht so flott auf die Füße kam, wie er sich das vorstellte und rümpfte die Nase, wegen eines stechenden Schmerzes in der Seite. „Ver ...“ Schon wollte er beginnen zu fluchen, konnte aber gerade noch im Ansatz sich auf die Zunge beißen, rümpfte die Nase, presste die Lippen aufeinander und presste zwischen den Zähnen hervor: „Verflixter Fliegendreck!“ Gerade noch rechtzeitig erinnerte er sich der Gegenwart des Kindes und riss sich zusammen.

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Mittwoch, 31. Oktober 2018, 18:24

Beinahe wäre der kaiserliche Geburtstag bei all dem überschäumenden Jubel und der protzigen Festlichkeit noch in einem Unglück geendet, wenngleich dies fernab des eigentlichen Geschehens im Großen Palast passierte. Während die Festgesellschaft nämlich im Chrysotriklinos pompös den Autokrator feierte, war der Nobelissimos Matthaios Lekapenos Phokas, der Sohn aus der ersten Ehe der jetzigen Kaiserin Ismene mit Tiberios IV., verschwunden. Dies fiel zunächst gar nicht weiter auf, was sicherlich an all der Ablenkung in der Goldenen Halle lag. Der Vierjährige, den Romanos zusammen mit dessen Schwester adoptiert hatte, war irgendwie aus dem Palast entfleucht, hatte dabei wohl seine Aufpasser genarrt und ließ diese nun reichlich dumm dastehen. Der Knabe gelangte in die Außenanlage des weitläufigen Palastviertels, das gleichsam eine Stadt innerhalb der Stadt war, hermetisch abgeriegelt vom restlichen Konstantinopel, so dass man hier wenig bis nichts mitbekam von den Sorgen der gewöhnlichen Menschen. Jedenfalls schien der Junge, der für sein Alter schon erstaunlich keck war, es für ein Abenteuer zu halten. Deutlich abseits der eigentlichen Palastanlage waren einige Pferde untergebracht, die es Matthaios scheinbar angetan hatten. Kurz und gut: Glücklicherweise befand sich zufällig der aufmerksame Gardist Kyriakos Taronites in der Nähe, der sich des Burschen annahm. Als wäre dies nicht blamabel genug gewesen für die Aufpasser des Nobelissimos, kam es noch ärger, als es wie aus dem Nichts zu einer Art Anschlag kam. Einige Pfeile schossen blitzartig her und verfehlten den Knaben nur aufgrund der schnellen Reaktionsfähigkeit des Manglabites. Bald eilten weitere herbei.

Zwischenzeitlich war das Fehlen des Jungen auch im Palast bemerkt worden. Zunehmend besorgt ließ man nach ihm suchen, um dann erst eine halbe Stunde später die Gewissheit zu bekommen, dass er unversehrt war. Besonders die Kaiserin war selbstredend außer sich ob dieses Vorfalles, so dass Romanos die Gouvernanten des Nobelissimos augenblicklich entließ und neue nach Wahl seiner Gemahlin bestellte. Abgesehen davon war der eigentliche Skandal aber die Tatsache, dass hier im Palastviertel dergleichen überhaupt passieren konnte. Vermutlich war der Junge nur ein zufälliges Opfer gewesen, vielleicht gar stellvertretend für den Kaiser selbst. Unverzüglich wurde die höchste Alarmstufe ausgerufen und das gesamte Gelände bis in die frühen Morgenstunden durchkämmt. Ergebnislos.

Der Retter in der Not, Kyriakos Taronites, hätte seinen heldenhaften Einsatz beinahe selbst mit dem Leben bezahlt. Für etliche Tage war er außer Gefecht gesetzt und man musste gar fürchten, dass er sich nicht wieder vollständig erholen würde. Immerhin schritt die Genesung dann doch voran.

Der Kaiser war zwischenzeitlich zur Ansicht gelangt, dass es sich um einen Verräter in den eigenen Reihen handeln musste. Niemand hatte hier so leicht Zugang und konnte unbemerkt mit Pfeil und Bogen hantieren. Gab es am Ende doch noch Anhänger des Usurpators? Die Sache warf in jedem Falle ein denkbar ungünstiges Licht auf die Palastwache. Dergleichen konnte passieren, durfte aber nicht passieren, soviel war klar. Nur mit Mühe konnte man Romanos von einem sofortigen Rundumschlag gegen etwaige Verdächtige abhalten. Selbst in seinen Privatgemächern waren seit dem Vorfall mehrere Manglabitai placiert. Er selbst tat keinen Schritt und Tritt mehr ohne einen seiner persönlichen Leibwächter. Die gesamte kaiserliche Familie unterlag nun diesen erhöhten Sicherheitsauflagen, was nicht nur für Heiterkeit sorgte.

Schließlich nahm es sich der Kaiser vor, den Retter in der Not persönlich aufzusuchen. Nachdem man ihm mitgeteilt hatte, Taronites habe mittlerweile wieder das Krankenbett verlassen können und halte sich in den Palastgärten auf, begab er sich, umgeben von nicht weniger als einem Dutzend Gardisten, dorthin. Offenbar schien auch Matthaios an ihm Gefallen gefunden zu haben, denn man sah diesen ebenfalls dort – diesmal freilich mit Wissen seiner Aufpasser, die in Hörweite standen.

"Sieh an, da ist ja der heldenhafte Recke!", begann der Kaiser recht euphorisch und beschaute dann den noch immer verletzten Taronites. Die übrigen Manglabitai, die beim Kaiser waren, beäugten ihren Kameraden, wirkten aber völlig nüchtern und emotionslos, wie man es sich von guten Soldaten erwartete. Romanos fuhr seinem Adoptivsohn kurz über den Scheitel und gab sich dann väterlich. "Da hast du uns ja wirklich einen Heidenschrecken eingejagt", meinte er zu ihm. "Andererseits verdanken wir diesem unglücklichen Vorfall die Erkenntnis, dass es nach wie vor Gegner auch im engsten Umfelde gibt. Dieser wird man sich unverzüglich annehmen." Er blickte nun wieder zu Taronites, dem dies mehr sagen dürfte als dem gerade Vierjährigen. "Es ist an der Zeit für eine große Säuberung, um die Schädlinge auszurotten. Ich werde den Protomanglabites Isaurikos entlassen; er hat sich als völlig unfähig erwiesen." Damit vollzog der Kaiser einen Schritt, der sich schon abgezeichnet hatte, war Michael Isaurikos doch stark in seiner Gunst gefallen und hatte seinen Kredit verspielt. Dass er nur die Nummer zwei der Leibgarde hinauswarf, sollte auch als Alarmsignal für den Panhypermanglabites Liudolf Hardrading verstanden werden, der diesmal noch mit einem blauen Auge davon kam, auch wenn er als oberster Gardekommandant eigentlich die Verantwortung trug. "Es gelang uns zudem, den mutmaßlichen Hauptschuldigen auszumachen: Niemand Geringerer als Telemachos Apsimaros, der ehemalige Protomanglabites. Seine Verhaftung ist bereits angeordnet." Wirkliche Beweise für eine Schuld des Apsimaros gab es nicht, doch gab es in der engsten Umgebung des Herrschers Stimmen, die in ihm öffentlichkeitswirksam den Sündenbock sehen wollten. Der einstige Überflieger war total abgestürzt, hatte seinen Sitz im Kronrat und im Purpurorden verloren und galt als abgeschrieben. Es war nicht schwer gewesen den Kaiser davon zu überzeugen, dass Apsimaros allen Grund hatte für solch einen feigen Anschlag, zumal er das Gelände bestens kannte und zudem so ziemlich jede Art von Waffe mit todsicherer Wirkung handhaben konnte.

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Donnerstag, 1. November 2018, 08:08

Kyriakos war gerade dabei, sich zu erheben, als er die Stimme des Kaisers vernahm, stützte sich mit der einen freien Hand an der Bank ab und rümpfte die Nase, nuschelte irgendetwas unverständliches. Als er endlich auf seinen Beinen stand, was ihm nicht so gelang, wie er es sich wünschte, verbeugte er sich. Seine linke Hand legte er auf den Rücken und nahm Haltung an, so gut es eben die Umstände erlaubten. Sein Blick haftete gen Boden.
Genau genommen war es wohl nur eine Frage der Zeit bis der Kaiser sich des Zwischenfalls widmen würde, allerdings hatte Kyriakos gehofft, das noch etwas Zeit verging und er nicht wie ein halb verschnürtes Geschenk Romanos gegenüber treten musste.
Kühner Recke! Meine Pflicht zum Henker! Aber dem Kaiser widersprach mal nun mal nicht und gab auch keine Widerworte oder verbesserte ihn vielleicht noch. Diesen Fehler beging der Soldat nur einmal und zwar unter einem vertretbaren Umstand. Hier und jetzt sah die Sache allerdings etwas anders aus, er stand dem Kaiser gegenüber und Rede und Antwort. Das gehörte zu den Situationen, die ihm weniger behagten. Befehle erhalten und ausführen waren eine Sache, ein Gespräch mit Romanos eine völlig andere. Normaler Weise sollte doch sein Vorgesetzter für solche Dinge zuständig sein, doch wo der Panhypermanglabites steckte, wusste er nicht und bezüglich des Protomanglabites bekam er gleich eine Überraschung, die es in sich hatte.
In den letzten Wochen war er in seinem Verhalten gegenüber des Kaisers durchaus gereift durch Gespräche mit Männern wie Bardas, Monomachos oder Konstantinos und eben durch seine Frau Athina.

Der Gardist war nicht davon ausgegangen, dass der Junge Ziel des Anschlags war, sondern die Manglabitai, wie schon zuvor die Priester und Offiziere. Der Junge war nur zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Aber das es sich um einen Insider handelte, entsprach durchaus seinen Überlegungen. Der alte Protomanglabites und dessen Nachfolger. Das war schon ein starkes Stück. Soweit reichten dann seine Überlegungen doch nicht und mit dem Wissen fragte er sich nun, ob man hätte etwas merken müssen an verdächtigem Verhalten der beiden Männer: Getuschel, verstummende Gespräche, Wechsel der Themen, Umherschleichen in dunklen Ecken. So genau war er sich nicht sicher, nach was er da nun suchte, Auffälligkeiten eben. Doch ihm fiel so spontan nichts ein und auch nicht bei ersten Überlegungen.

„Ich war nicht allein, mein Kaiser. Ohne meine Kameraden wäre der Zwischenfall bös ins Auge gegangen und ich nicht mehr am Leben.“ Versuchte er behutsam einzulenken und die ganze Aufmerksamkeit des Kaisers wenigstens etwas von sich abzulenken. „Irakis, Evros, Gurdrik und Harek waren genauso daran beteiligt.“ Er deutete auf eben jene, deren Namen er nannte.
Außerdem gehörte das harte Training genauso zum Erfolg, wie die Disziplin, die Ausdauer und die Bereitschaft jedes einzelnen Mannes, für den Kaiser und seine Familie im Notfall zu sterben. Dessen waren sie sich absolut bewusst. Wer konnte auch ahnen, dass so kurz nach seiner Hochzeit Athina bereits einem solchen Schrecken ausgesetzt werden sollte, ihren zweiten Mann ebenfalls im Dienst zu verlieren, selbst wenn dies Kyriakos Ansinnen in gewisser Weise sein mochte: Lieber im Dienst zu sterben, als durch eine Krankheit und in Hilflosigkeit als Pflegefall, wo er keinerlei eigenen Willen mehr äußern konnte und sich notfalls selbst das Leben nehmen konnte, wenn es ihm nicht mehr lebenswert erschien.

Isaurikos und Apsimaros! Das wollte einfach nicht in seinen Kopf, sie hatten beide den gleichen Eid geleistet wie er selbst auch! Und sie kamen so nah an die kaiserliche Familie wie sonst kaum einer. Das war raffiniert und ein verdammt kluger Schachzug. Und doch fehlten Taronites sämtliche Anzeichen, wenigstens doch Verdachtsmomente. Dann zog er doch eine Augenbraue hoch. Genau genommen hatte sich Isaurikos sich in den letzten Tagen doch etwas oft rar gemacht. Ob er doch etwas wusste und einfach nicht einschreiten wollte, weswegen er mit Abwesenheit glänzte?
Die Entscheidung der personellen Maßnahmen war unwiderruflich gefallen, wenn der Kaiser nicht als wankelmütig gelten wollte und der Gardist stellte die Entscheidungen nicht in Frage.
Möglicher Weise lehnte er sich etwas aus dem Fenster, aber da Romanos bereits schon mal das Thema mit ihm angesprochen hatte, erkundigte er sich: „Habt Ihr schon jemand ins Auge gefasst, was die Nachfolge des Protomanglabites betrifft, mein Kaiser?“

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Samstag, 3. November 2018, 19:29

Der Gardist Taronites blieb seiner bisherigen Linie treu, indem er seinen großartigen Einsatz, der dem Jungen wohl das Leben gerettet hatte, herunterspielte. Er verwies ganz altruistisch auf seine Kameraden, vier an der Zahl, die mindestens genauso daran beteiligt waren. Der Kaiser trat in seiner unendlichen Großmütigkeit nun kurz an diese heran und legte jedem pathetisch die Hand auf den Rücken. Fast konnte man meinen, der Heiland berühre gerade Aussätzige und heile sie dadurch. Die Überhöhung stand Romanos ins Gesicht geschrieben, wirkte er doch wie geistig entrückt und fasste sich dann bedeutungsschwer ans Herz. "Ihr guten und treuen Männer, die ihr meiner Leibgarde angehört, was wäre ich ohne euren Heldenmut. Jeder Angriff auf einen Verwandten des Kaisers ist genau dasselbe wie ein Angriff auf den Kaiser selbst. Der Kaiser aber ist das Reich, und ein Angriff auf das Reich ist ein Kriegsgrund", sprach er in seiner ihm eigenen solemnen Ausdrucksweise und verstärkte das Gesagte noch dadurch, indem er die Faust ballte und sich an die Brust klopfte.

Nachdem er die vier gleichsam gesegnet hatte, wandte er sich wieder Kyriakos Taronites zu, der sichtlich in Mitleidenschaft gezogen worden war. "Dein mutiger Einsatz aber soll nicht unbelohnt bleiben, erblickt man doch deine unbedingte Opferbereitschaft sogleich." Er klopfte ihm kurz auf den Oberarm, was vielleicht nicht das Geschickteste war angesichts seiner Verwundungen, aber ein echter Mann kannte bekanntlich keinen Schmerz. "Ich ließ mir sagen, du seist mit einer Komissa verheiratet, deren reizende Bekanntschaft ich bereits kurz machen durfte." Er blickte in Athinas Richtung. Oh, Romanos konnte durchaus ein Charmeur sein bei den Frauen. Er hatte sich mit der offenbar geistreichen Vertreterin ihres Geschlechtes eine Weile unterhalten, bevor sie gemeinsam hierher gekommen waren. "Nun bist du zwar im Stande des Bürgerlichen geboren, doch mit einer Adeligen verheiratet, was ein offenkundiges Zeichen ihrer Zuneigung ist und sicherlich auf so manchen Widerstand gestoßen ist." Denn welcher Aristokrat vergab die eigene Tochter schon gerne an einen Nichtadeligen? "Nun, mit diesem Zustande sei von heute an aufgeräumt, weil ich dich mit sofortiger Wirkung zum Komes, also zum Grafen, erhebe, auf dass eure Ehe nicht durch Ungleichheit gebrandmarkt sei." Er wusste, dass dies Kyriakos sicher gefiele, selbst wenn er bescheiden war; er musste es ja selbst als unbefriedigend empfunden haben, immer nur der angeheiratete Ehemann einer Gräfin zu sein. "Außerdem verleihe ich dir den Ehrentitel eines Spatharokandidatos." Eine zwar unbesoldete, aber angesehene Auszeichnung, in der offiziellen Hierarchie der Ehrentitel immerhin der achthöchste und nur zwei Stufen von der Senatorenwürde entfernt.

Schließlich erkundigte sich Taronites, ob der Kaiser bereits einen potentiellen Nachfolger als Protomanglabites im Auge hatte. Romanos fuhr sich selbstverliebt durchs Haupthaar. "Keinen konkreten, nein. Um deine Abneigung diesen Ämtern gegenüber weiß ich ja bereits Bescheid." Er grinste, hatte ihm Kyriakos doch bereits vor geraumer Zeit zu verstehen gegeben, dass er kein guter Kandidat für solche Ämter war. Insgeheim hatte der Kaiser an Ivar Sigurdsson gedacht, doch sich noch zu keiner eindeutigen Entscheidung durchringen können.

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Samstag, 3. November 2018, 20:30

Kyriakos war scheinbar für den Kaiser ziemlich leicht durchschaubar in dem Punkt, dass er von sich selbst gerne ablenkte und versuchte derartige Situationen herunter zu spielen. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass dies geschah und er sich hinter irgendjemandem zu verstecken suchte beziehungsweise etwas als seine Pflicht bezeichnete.
Als der Kaiser seine Frau ansprach und in ihre Richtung blickte, folgte Kyriakos diesem Blick und betrachtete Athina einige Momente. Ein vielsagendes Lächeln legte sich um seine Lippen. Fast schon mutete es spitzbübisch an.
„Mir reichte die Zustimmung einer einzigen Person und für Widerstand ist jetzt auch zu spät, wo wir verheiratet sind.“

Sicherlich war ihr Vater alles andere als begeistert gewesen, aber seine Stellung als Manglabites hatte durchaus seine Vorteile insbesondere war seine Besoldung einiges an Gründen wert, um ihn zu besänftigen. Auch wenn sie ihre Hochzeit nicht an die große Glocke hingen, immerhin fiel diese zwischen die Heirat des Kaisers und dessen Geburtstag. Dem Gardist war reichlich egal, was ihr Vater letzten Endes gesagt hätte, die Hochzeit hätte auch ohne dessen Einverständnis statt gefunden.
Romanos Ehrentage konnten und wollten sie in keinster Weise in den Schatten stellen. Taronites war durchaus bewusst, das der Standesunterschied ein Makel sein konnte. Zumal es einige Zungen gab, die behaupteten, dass die Eheschließung zu rasch geschah, doch das Trauerjahr war beendet gewesen. „Sie ist etwas ganz besonderes, meine Frau, meine ich."

Als Romanos ihm dann doch tatsächlich auf den Oberarm klopfte, versteinerte sich sein Gesicht. Der Soldat presste die Lippen aufeinander, sog scharf Luft ein und stieß sie geräuschvoll wieder aus. Für einen Augenblick wurde er wohl auch etwas blass um die Nase, sagte jedoch nichts. Seine Reaktion war schließlich eindeutig und den Kaiser tadelte man nicht für dessen unachtsames Tun oder die Gedankenlosigkeit.
Schließlich ging der Kaiser dazu über, ihm zu offenbaren, was er sich ausgedacht hatte. Für gewöhnlich war der Soldat zwar nicht auf den Mund gefallen und wurde verlegen, zumindest in Gesellschaft seiner Kameraden nicht. Gegenüber Romanos verhielt sich das schon ganz anders und nun, wo er Titel und Würden verliehen bekam, verschlug es ihm doch gänzlich die Sprache und für einen Augenblick starrte er den Kaiser an wie einen Geist. Gedanklich fluchte er schon, jemandem die Leviten zu lesen, wenn er heraus fand, wer dem Kaiser die Geschichte mit dem Stand seiner Frau gesteckt hatte. Um so schlimmer traf ihn die Erkenntnis, dass womöglich Athina dahinter stecken konnte. „Komes und Spatharokandidatos?“ Er zog eine Augenbraue hoch, blickte in Athinas Richtung und dann den Kaiser an. Sein Atem beschleunigte sich etwas und es dauerte einige Augenblicke bis er sich wieder aus der Starre der Überraschung lösen konnte. Er senkte sein Haupt und verbeugte sich, soweit ihm das in seinem Zustand möglich war. Seine Hand auf sein Herz legen, funktionierte wegen des Verbandes nicht. „Habt Dank, mein Kaiser. Ich weiß das wirklich sehr zu schätzen.“

Bezüglich der Frage des Protomanglabites zeigte er sich erleichtert. Papierkram und am Schreibtisch fest gekettet zu werden, gehörte definitiv nicht zu den Dingen, die er sich selbst für sein Leben in naher Zukunft vorstellte. In einigen Jahren vielleicht, aber heute und jetzt? Athina hätte es vielleicht gerne gesehen, wenn er aus der Gefahrenzone geholt würde und seine Berufung weniger gefährlicher wäre. Schreibtische sind nicht unbedingt meine Stärke. Der ganze Papierkram ist ja nun wirklich gruselig. Ganz zu schweigen von diesen pseudo Würdenträgern, die von nichts eine Ahnung haben. Grauenvoll. Ich möchte mit einigen Leuten nicht tauschen. Darüber können sich andere Leute graue Haare holen, ehrlich! Dachte er bei sich und wirkte sichtlich erleichtert und hoffte, dass der Kaiser sich für einen guten Mann entschied. Manche Worte sprach man nicht aus, sondern behielt sie für sich, wie genau eben jene. Und es gab Aufgaben, denen er sich mehr hingezogen fühlte, wie etwa der Ausbildung der neuen Manglabitai. Praktische Aufgaben. Ihn an einen Schreibtisch zu fesseln, käme einer Bestrafung fast gleich.
Allein wenn er daran dachte, wie es auf Bardas Schreibtisch aussah, dem Megas domestikos, oder sich Logothetes tou stratiotikou Monomachos mit irgendeinem dämlichen Sekretär herumschlagen musste, als es etwa um Proviant für die Soldaten ging. Damit konnten und sollten sich dann doch besser Männer befassen, die sich auf solche Ränkespiele verstanden. Zwischenzeitlich würde Kyriakos besser noch Schachspielen üben, wie er selbst nannte und meinte damit nicht unbedingt das Schachspiel an sich, sondern viel mehr, wie er künftig mit dem ganzen höfischen Benehmen und den Intrigen et cetera umgehen wollte und sollte, um nicht unterzugehen, sich zu behaupten und zu bewehren.

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Dienstag, 6. November 2018, 17:24

Das schien ja glatt gegangen zu sein mit der Hochzeit und der Gardist und nunmehrige Komes hatte seinen Kopf durchgesetzt. Überhaupt schien Taronites jemand zu sein, der sich durchzusetzen vermochte, wenn es nötig war. So manche Tochter, die gegen den Willen des Vaters heiratete, wurde von diesem verstoßen; an Mitgift war zudem nicht zu denken. Schon daher hatten die Väter ihr Druckmittel und behaupteten einen Teil der urrömischen patria potestas, der väterlichen Gewalt, die einst gar sogar die Frage von Leben und Tod umfasste.

"Junge Liebe, wie anheimelnd", gab sich der Kaiser altersweise, obwohl er eigentlich jünger war als Kyriakos und von Liebe auch nicht allzu viel zu verstehen schien, betrachtete man seine eigenen Ehen. Dagegen schien das Glück des Komes und der Komissa gleichsam vollkommen zu sein. Zumindest vermittelten sie diesen Eindruck. "Es ist auf der einen Seite von Vorteil, wenn meine Leibgardisten im Privatleben zufrieden sind, steigert dies doch auch die Kampfmoral." Es klang so, als würde nun noch etwas folgen, und in der Tat fuhr der Kaiser fort: "Andererseits sind diejenigen der Gardisten, die alleinstehend sind, ihrem Dienstherrn wohl noch unbedingter und unmittelbarer verbunden, gewissermaßen mit ihm vermählt." Romanos grinste. Nicht wenige seiner Manglabitai waren unverheiratet. Manche begnügten sich mit diversen Liebschaften, wieder andere lebten streng asketisch.

Selbstredend bedankte sich Taronites für die ihm widerfahrenen Ehrungen. Romanos gefiel sich darin, spendabel und freigebig zu sein. Für ihn war dies ja auch keine große Kunst. Er hatte in diesem Falle auch nur einen natürlichen Zustand hergestellt, denn ein Mann musste seiner Frau von Natur aus zumindest ebenbürtig sein, zog alles andere doch Gerüchte an, wie Scheiße die Fliegen. Sonst hieß es nämlich rasch, derjenige habe diese nur aufgrund ihres lukrativen Ranges geheiratet, um den eigenen Aufstieg voranzutreiben.

"Doch lausche weiter, Komes", sprach der Kaiser den nunmehrigen Grafen dann bei seinem neuen Titel an. "Ich bin zur Überzeugung gelangt, dass es am geschicktesten ist, dir ab sofort die Ausbildung der neuen Gardisten zu überlassen. Es ist eine überaus praktische Aufgabe, wie dir sicherlich bekannt ist, und garantiert die unmittelbare Berührung mit der Truppe. Aufgrund deiner erwiesenen Tugendhaftigkeit und Treue willst du mir dazu idealtypisch erscheinen." Ob Kyriakos diese Tätigkeit annehmen wollte, fragte Romanos gar nicht erst. Es konnte nicht immer eine Extrawurst geben, hatte sich der Mann doch schon erfolgreich vor einer möglichen Berufung zum Protonmanglabites 'gerettet'. "Das heißt, sowie du wieder völlig genesen bist. In deinem derzeitigen Zustand kann ich dir dies noch nicht zumuten." Immerhin da schränkte der Kaiser dann ein. Womöglich war dies aber ein zusätzlicher Ansporn für den Taronites, alsbald wieder völlig gesund zu werden.

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Mittwoch, 7. November 2018, 06:44

Kyriakos war nie auf eine Mitgift aus, sodass wenigstens dieser Punkt keine Rolle spielte. Romanos als Kaiser besaß nicht unbedingt die Wahl, wen er heiratete. Dahinter steckten oftmals politische Gründe. Ganz zu schweigen davon war Romanos bei seiner ersten Ehe noch sehr jung und es fehlte wohl auch die Lebenserfahrung und noch einiges mehr, dass die Ehen nicht funktionierten. Abgesehen davon hatte ja wenigstens bei einer seiner Ehefrauen auch noch jemand nachgeholfen, dass die Ehe endete.
Aus Sicht des Kentarchos gehörten immer zwei Leute zu einer glücklichen und harmonischen Ehe. Kyriakos hatte definitiv sehr viel Glück gehabt, dass er an Athina geriet. Die beiden Frischvermählten wirkten nicht nur zufrieden und ausgeglichen, sondern es verhielt sich tatsächlich so. Es verhielt sich wie mit zwei Seiten einer Münze. Sie gehörten zusammen, ergänzten sich und schöpften voneinander Kraft.

Eine Augenbraue hoch ziehend, fragte er nach: „Es steigert die Kampfmoral? Ihr habt damit Erfahrung, mein Kaiser?“ Er konnte nachvollziehen, dass man mehr Energie, Kraft, Ausdauer und Lebenswillen in einen Kampf steckte, wenn die eigene Familie bedroht war, aber wenn es um den Kaiser ging, stand er keinem seiner Kameraden nach. Neugierig blickte er den Kaiser an und fragte sich, wie er auf diese Weisheit kam.

„Ich sehe das nicht so, dass ein unverheirateter Manglabites seinem Dienstherrn mehr verbunden sein kann, als ein Verheirateter. Das mag vielleicht hin und wieder zutreffen, sollte aber wohl eher nicht verallgemeinert werden.“ Wenn man seiner Frau Glauben schenken mochte, so was der Gardist mit seiner Aufgabe als Manglabites genauso verheiratet, wie mit seiner Frau. Als Jugendlicher mochte es so nicht gewesen sein, aber mittlerweile reifte er zum gestandenen Mann und sah einiges anders, als damals. Er war in seinen Ansichten gereift, lernte kämpfen und überleben. Mittlerweile ging er in seinem Dasein als Gardist auf und betrachtete es in gewisser Weise als Berufung.
Ob dahinter womöglich eine Anspielung stecken mochte, wusste der Gardist nicht zu sagen. Er konnte sich nicht vorstellen, wie ein unverheirateter Mann dem Kaiser irgendwie näher stehen konnte, als ein Verheirateter.
Die alleinstehenden Gardisten verbrachten nicht mehr Zeit im Dienst, als diejenigen, welche Beziehungen führten. Und an Treue und Ergebenheit stand ebenfalls keiner dem Anderen nach, soweit er es zumindest erlebte und dies beurteilen konnte.
Der frischgebackene Komes wirkte irritiert, denn einerseits hätte der Kaiser ihn kaum in den Adelsstand erhoben, wenn er Zweifel an der Loyalität und Treue des Mannes hätte und doch hörten sich die Worte an, als sei ein verheirateter Mann nicht so dienstbeflissen wie ein lediger Soldat, was in seinen Augen nicht stimmte. Zumindest und vielleicht gerade auch in seinem Fall. Da seine Frau als Hofdame auch im Palast ihren Pflichten nachkam und es auch ihre privaten Gemächer hier im Palast gab, waren sie beide jederzeit abrufbar. Selbst ihr privates Haus befand sich nicht weit vom Palast entfernt.
Während ledige Gardisten gewisse Etablissements aufsuchten und dann die ganze Nacht verschwunden waren, sich zudem des Weins genüsslich taten und weniger einsatzfähig waren, als jemand von dem man wusste, wo er steckte und der zudem noch nüchtern war. Die Männer, welche der Askese nachkamen, gehörten eher der Minderheit an, Kyriakos kannte jedenfalls keinen einzigen.

Natürlich konnte Kyriakos nicht alles abschlagen, was der Kaiser ihm nahelegte. Nachdem er bereits erfolgreich sich dagegen erwehren konnte, in eine Position gehoben zu werden, die am Schreibtisch endete, weil er über Haufen Papier einen Herzklabaster bekam.
Nun schien der Kaiser eine neue Idee zu haben: Ausbilder für die neuen Manglabites. Der Kentarchos senkte kurz seinen Blick gen Boden und schüttelte leicht den Kopf, nicht jedoch um das Angebot abzulehnen. Er war überrascht, das so schnell eine neue Aufgabe für ihn gefunden werden konnte. Als er aufblickte, lag ein Lächeln auf seinen Lippen. „Euer Wunsch ist mir Befehl, mein Kaiser.“ Warten, hatte der Kaiser eben gesagt, er solle erst genesen? Das war ja, als wenn man einem Kind ein Pony schenkt und ihm verbietet, darauf zu reiten. Für einen Moment zeigte sich ein Anflug von Enttäuschung. „Das ist gewiss keine Zumutung, mein Kaiser. Ich würde mir wenigstes gerne einen Überblick verschaffen und verspreche keine Dummheiten zu machen.“ Das er selbst besser noch keine Hand an eine Waffe legen sollte, war ihm durchaus bewusst und das hatte er auch keineswegs vor. Die Tage im Bett reichten vollkommen und da wollte er auch nicht so schnell wieder landen.
Kyriakos brauchte etwas zu tun, eine Aufgabe und worauf sollte er denn bitte warten? Man konnte auf den Tod warten, aber das hatte er gar nicht vor und er brauchte dringend eine Beschäftigung, die ihn davon abhielt verrückt zu werden und wirklich Dummheiten zu begehen.

8

Donnerstag, 8. November 2018, 18:16

Dass man alles hinterfragen konnte, zeigte sich aufgrund der Nachfrage des nunmehrigen Komes. Ob er selbst damit Erfahrung habe, hakte Taronites nach. Romanos schaute ihn ein wenig verdutzt an, doch wollte er dem Mann keine böse Absicht unterstellen. "Der Kaiser ist in jedweder Hinsicht ein Sonderfall", erwiderte er ausweichend. Was sollte er auch groß dazu sagen? Ob ihn seine Ehe mit Zoe seinerzeit in Ostfranken irgendwie angespornt hatte im Kampf? Wohl kaum, dachte er an sie doch praktisch während der gesamten Reise so gut wie gar nicht. Das konnte und wollte er hier und jetzt aber nicht zum Ausdruck bringen, zumal sie ja erst vor kurzem ums Leben gekommen war und die genauen Hintergründe dieses Unfalls noch immer nicht gänzlich aufgeklärt waren.

"Verallgemeinerungen, gewiss", meinte er dann und gab mehr oder weniger klein bei. Natürlich war jedes Individuum anders geartet. Der eine lebte lieber allein, der andere brauchte die Zweisamkeit. Wie sollte es bei Soldaten anders sein. Dass Kyriakos Taronites zu den letzteren gehörte, stand wohl außer Frage, so sehr er von seiner Ehe schwärmte und ihn diese auch zu erfüllen schien. Seine kritische Art, die ihn auszeichnete, litt unter dem Zustand der Ehe augenscheinlich nicht

"Nun denn", sprach der Kaiser, als der Manglabites geradezu begierig wirkte hinsichtlich der Ausübung seiner nunmehrigen Tätigkeit als Ausbilder der Neulinge. "Meine Absicht war lediglich, dich zu schonen, doch wenn du trotz deiner Einschränkungen so darauf brennst, so sollst du meinetwegen auch sofort zu Werke gehen." Weshalb sollte er ihn auch künstlich davon abhalten, wenn er doch gar keine große Lust zu verspüren schien, erst wieder vollständig zu genesen? "Ich bin mir sicher, dass ich bald schon von deinen ersten Erfahrungen als Ausbilder hören werde", grinste Romanos schließlich. "Einstweilen ist erst einmal alles gesagt und geregelt. Die kaiserlichen Pflichten rufen." Mit einer (diesmal deutlich vorsichtigeren) kurze Berührung der Schulter des Gardisten machte der Kaiser dann auch kehrt und verschwand in der Begleitung seiner Leibwächter aus der Gartenanlage, nicht ohne sich noch kurz auch von der Komissa Athina, die etwas abseits stand, verabschiedet zu haben.

9

Freitag, 9. November 2018, 14:34

"Der Kaiser ist in jedweder Hinsicht ein Sonderfall"lautete die Antwort und Kyriakos begnügte sich damit. Es war durchaus verständlich und nachvollziehbar, dass Romanos ausgerechnet hier nicht auf eine solche Frage antworten mochte, doch zielte sie eigentlich auch eher aufs Allgemeine ab. Es konnte ja sein, dass es irgendwann mal ein Gespräch gab, in welchem jemand dem Kaiser derartige Erfahrungen mitteilte oder darüber sprach. Von bösen Absichten konnte keinerlei Rede sein, denn der Kentarchos war seinem Kaiser treu ergeben. Man musste mit seinem Dienstherrn schließlich nicht ständig einer Meinung sein, abgesehen davon würde ihm spontan auch kein Grund einfallen oder eine Situation, wo er mit Romanos uneins wäre. Dafür gab es bisher keinerlei Anlass.
Für einen Speichellecker hielt er sich auch nicht, denn er hatte es gewagt, einen Posten abzulehnen, als dieser ihm angeboten wurde, sowohl vom Kaiser als auch von dessen Schwager Konstantinos. Nun kam der Kaiser auf die Idee ihn zum Komes ernennen zu wollen. Irgendwann musste der Gardist auch mal klein bei geben, um sich nicht dem kaiserlichen Zorn auszusetzen, welcher seine Dankbarkeit ausdrücken wollte.
„Habt Dank, Euer Majestät.“ Wiederholte er vorsichtshalber nochmal und verbeugte sich. „Ganz wie Euch beliebt und Ihr wünscht, mein Kaiser.“ Entgegnete er, als dieser sich verabschiedete und meinte, er würde wohl schon bald von dessen ersten Erfahrungen hören.

Nachdem sich der Kaiser entfernt hatte, wischte er sich mit der zur Verfügung stehenden Hand sich über die Stirn und atmete geräuschvoll aus. „Na das ist ja wohl noch mal gut gegangen, meine Güte.“ Er blickte auf den Knaben und dachte bei sich: Dabei warst du wohl eher nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Kyriakos setzte sich auf die Bank und blickte in Athenas Richtung, welche langsam und würdevoll, mit einem Lächeln auf den Lippen auf ihn zuschritt.
Der Junge rannte auf sie zu und erzählte aufgeregt, was er gerade erlebt hatte und so erreichten sie Kyriakos, der seine Frau wie ein Honigkuchenpferd anstrahlte. „Du hast nicht rein zufällig irgendetwas damit zu tun? Seine Majestät sagte, ihr hättet euch unterhalten. Komm setz dich zu mir, mein Engel.“
Oh Gott, wie ich diese Frau liebe! Dachte er bei sich, schüttelte den Kopf und blickte sie so verliebt an, wie seid jenem Tag, als er ihr seine Liebe gestand. Zwar fragte er sich öfters, womit er eine solche grandiose Frau verdient haben mochte, aber eine Antwort brauchte er gar nicht. Letzten Endes war es auch völlig egal, denn sie gab ihm schließlich freiwillig das Ja Wort und erklärte sich einverstanden.
Obwohl sie sich mit dem Kaiser unterhielt, so vertraute er seiner Frau bedingungslos, genauso wie sie ihm vertrauen konnte, dass mit keiner anderen Frau irgendetwas geschehen würde.

10

Freitag, 9. November 2018, 14:53

Athina setzte sich zu ihrem Mann auf die Bank und nahm den Jungen auf den Schoß. „Wie kommst du nur auf die verrückte Idee, ich könnte damit etwas zu tun haben? Womit überhaupt?“ Obwohl sie es abstritt, lag ein vielsagendes Lächeln auf ihren Lippen, als habe sie wenigstens eine Ahnung von dem, was vorgefallen sein mochte.
Sie hielt sich bewusst zurück und kam ihm nicht zu Hilfe, als er Mühe hatte, aufzustehen. Sie kannte seine Dickköpfigkeit und wusste wie stur er sein konnte. Hilfe hätte er keineswegs angenommen.
Kyriakos klärte sie auf, was er meinte, nämlich die Adelserhebung. Dabei nahm er ihre Hand und küsste ihren Handrücken. „Sagen wir mal so: Zwar haben wir unter anderem auch über dich gesprochen, aber nur diesbezüglich, als das ich ihm bestätigte, du wärest mein Ehemann. Fein, er war durchaus neugierig, aber Entscheidungen trifft er ganz allein und fragt ganz gewiss nicht mich um Erlaubnis oder hört gar auf mich. Dafür hatte er seine Berater oder mit wem auch immer er sich darüber unterhalten mag.“

Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte der Kaiser sich mit dem Jungen unterhalten, verschiedene Leute befragt und war somit auf den Manglabites gekommen. Der Kaiser besaß genug Mittel und Wege um an Informationen zu kommen und wenn er sich etwas in den Kopf setzte, handelte er wohl auch danach. Da Athina sich um die Kinder der Kaiserin kümmerte, brauchte es wohl auch nur die Kaiserin als Informantin, denn ihr hatte Athina gesagt, mit wem sie verheiratet war.
Nachdem Kyriakos ihr sagte, welche Stelle er bekam, wurde sie etwas ernster und erkundigte sich: „Du willst doch hoffentlich nicht sofort anfangen wieder zu arbeiten? Du musst dich schonen! Du erinnerst doch hoffentlich noch, wieso du herumläufst: wie ein Geburtstagsgeschenk eingeschnürt. Das geschah nicht ohne Grund!“ Sie wirkte etwas resolut und doch sprach sie mit einem Ton, dass der Gardist ihr dies nicht übel nehmen konnte und sie machte sich nur Sorgen, auch das konnte er nur zu gut nachvollziehen, daher antwortete er, dass er gewiss nichts unternehmen würde, um wieder ans Bett gefesselt zu werden. Einen Überblick wollte er sich verschaffen und für den Anfang ließ er sich einfach von einem erfahrenen Kameraden helfen. Mit Worten konnte man schließlich auch auf Fehler hinweisen oder was verbessert werden musste.

Langsam wurde der Knabe unruhig und begann auf Athinas Schoß umher zu rutschen und zu gängeln. „Schon gut, wir gehen ja schon Matthaios.“ Entschied Athina mit ruhiger und gelassener Stimme. Sie vertraute darauf, dass Kyriakos sein Versprechen hielt, welches er ihr gab und sich vorsah.
Als sie mit dem Jungen im Palast verschwand, blickte der Soldat ihr eine Weile nachdenklich nach. Ihr Schritt war so elegant und sie lief von dannen, als würde sie schweben, wie eine Fee. Ihre ganzen Bewegungen und ihre Benehmen, die Art wie sie sprach, ihr ganzes Wesen war für ihn ein Wunder, ein Geschenk, für das er unsagbar dankbar war.

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