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Konstantinos Phokas

Protoarchitektonas tes Rhomaikes Autokratorias

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Montag, 11. Februar 2019, 17:44

Der ist kein freier Mensch, der sich nicht auch einmal dem Nichtstun hingeben kann.

Es war ein oder zwei Tage vor den Iden des Februars. Die Luft war kühl und nur knapp über dem Gefrierpunkt und zuweilen fiel sogar Schnee. Dieser war zunächst auf den güldenen Dächern und den steinernen Straßen der Reichshauptstadt geschmolzen und wer sich auf einen weißen Wintermantel für seine Stadt freute, wie dies etwa die kleinen Kinder taten, musste sich doch noch etwas gedulden. Es dauerte schon eine Weile, bis das Gold der Dächer von einem dünnen weißen Flaum bedeckt war. Langsam aber stetig wuchs der Schnee, gleich dem Bart eines Jünglings, der zunächst nur langsam und flaumartig wächst, dann aber – insofern man ihn nicht stutzt – langsam zu einem vollen Barte gedeiht. So war es auch mit dem Schnee; räumte man ihn nicht weg, so würde er das Antlitz der Stadt bald unter sich verbergen.
Schon am frühen Nachmittag mussten die Leute des Tribounos ausschwärmen. Bewehrt waren sie mit eisernen Schaufeln, deren Stiele aus Buchenholz gefertigt waren. Die Schaufeln verursachten einen ziemlichen Lärm, wenn sie über den gepflasterten Boden der Hauptstraßen krächzten. Dazu gesellte sich noch das übliche Gewieher alter Fuhrwerksgaule, das Schimpfen der Händler über die verstopften Straßen und den Schnee; erheiternd war alleine das Lachen der Kinder, deren Freude das Ärgernis der anderen war: der weiße Schnee.
In einem dicken Umhang verborgen, die Hände vor dem Bauch verschränkt und eine Kapuze über den Kopf gezogen, spazierte der junge Protoarchitektonas – und nebenbei nach wie vor Tribounos – die Hauptstraße entlang, grüßte einige Senatoren und plauderte mit ihnen im Schutze eines Vordaches. Man kannte ihn mittlerweile recht gut, war er doch seit bald einem Jahrzehnt in Konstantinopel politisch tätig. Auch wenn er bereits mehrmals an Aufgaben gescheitert war, so war dennoch im Zentrum der Macht; durch seine Heirat, durch seine Freundschaft zum Kaiser, durch seinen Nachnamen; durch sein Geld, seinen Einfluss und sein Wissen. Dass man in seinem jungen Alter an großen Aufgaben scheiterte war nichts Ungewöhnliches. Nicht umsonst hatten die alten Römer, ihre weisen Vorfahren, entschieden, die Ämterlaufbahn – bzw. die wichtigsten Ämter – grundsätzlich nur an Männer eines gewissen erreichten Alters zu vergeben.

Konstantinos hatte sich in der letzten Zeit ein Netzwerk aufgebaut. Netzwerken war das um und auf in Konstantinopel. Er behandelte jedermann freundlich, legte gerne für den einen oder anderen ein Wort ein und half aus – freilich mit dem Hintergedanken, dass eine Hand die andere wäscht. Und man wusste ja nie, wozu man Beziehungen dereinst noch ausnutzen konnte. Der „Quid pro quo“ Gedanke war im Übrigen auch einer jener alten Tugenden ihrer Vorfahren, der Römer. Konstantinos dachte da etwa an Cicero, dessen Einfluss geltend gemacht werden konnte durch die Unterstützung, die ihm seine ehemaligen Clienten, in den richtigen Momenten – und auf Anfrage Ciceros! – angedeihen ließen.
Cicero. Ja, Cicero hatte es ihm in letzter Zeit angetan. Seine brillante Rhetorik, sein Auftreten; seine Schriften, seine Art und Weise zu argumentieren, zu gestikulieren, einen Fall aufzubauen und vorzutragen; an alles zu denken, Hieb und Stichfest zu machen. Erst zuletzt hatte er Ciceros „Orationes in Verrem“ gelesen, ein mehrbändiges Werk über Ciceros Reden gegen den korrupten Propraetor Verres.

Derartig über antike Autoren sinnierend schlenderte er nun weiter über die Hauptstraße, ganz wahl- und ziellos, während die Senatoren mit denen er gerade gesprochen hatte, durch den Schnee davoneilten. Er beobachtete, geistig abwesend, schließlich eine Gruppe von Kindern, die sich mit Schneebällen bewarf. Ab und zu durch die Stadt zu schlendern, ohne Ziel, ohne Zeitgefühl und ohne jegliche Hast, das half ihm dabei, mit der immensen Arbeitslast fertigzuwerden, die ihm auferlegt worden war; die er sich auch selbst auferlegte. All die Bauprojekte, über die er mit Kaiser Romanos sprach, mussten letztendlich auch verwirklicht werden. Und das war ein Brocken Arbeit. Zumal er viele Projekte auf einmal angehen musste; da wäre der Tempel der Purpurritter, die neue Metropole, die sie aus dem Nichts aufbauen wollten; da wäre weiters der Landsitz des Kaisers in den thrakischen Bergen sowie einige Restaurationen (etwa die von ihm angeordnete Restauration der Kirche der Hl. Sergios und Bakchos) und diverse weniger prunkvolle Dinge, wie Brückenbau, Straßenbau, Erhaltung anderer öffentlicher Plätze.

Wie er so da stand kam ihm ein geflügeltes Wort des alten Cicero in den Sinn, der seinen Drang, ab und zu absolut nichts zu tun, durch seine Weisheit unterstützte: „Der ist kein freier Mensch, der sich nicht auch einmal dem Nichtstun hingeben kann.“ Und ein freier Mensch wollte Konstantinos sein. Frei war er auch und nur dem Kaiser gegenüber Rechenschaft schuldig. In dieser Hinsicht fühlte er sich sogar freier als der Kaiser, der niemandem und doch jedem gegenüber verantwortlich war. War es Wohl oder Übel, am Ende war der Kaiser verantwortlich (außer er konnte die Verantwortung im Fall der Fälle geschickt auf Untergebene abwälzen).

Konstantinos war selbst schon mit Schnee bedeckt, als er endlich wieder zum Palast des Lausos zurückkam. Ganz automatisch – ergo unbeabsichtigt – hatten ihn seine Füße wieder nach Hause geführt. Er klopfte sich den Schnee von der Kleidung und fuhr sich durch sein länger werdendes blondes Haar. Ein Diener verkündete ihm, dass trotz des miserablen Winterwetters ein Client gekommen sei; einer von vielen, die ein Anliegen hatten und bei ihm um Fürbitte flehen würden. Ihre Probleme erschienen ihnen immer als die größten und sie erwarteten sich, dass ihre Probleme denn auch in das Zentrum seiner Aufmerksamkeit rückten. Konstantinos gab auch gerne vor, dass dem so wäre. „Semper idem!“, brummte er, denn er hatte gehofft, bei dem Wetter seine Ruhe genießen zu können. Stattdessen musste er sich mit einem vermögenden Bürger und seinen Anliegen auseinandersetzen. „Cui bono?“, könnte man hier wiederum Konstantinos‘ neuen Liebling Cicero zitieren. Und die Antwort wäre: Beiden. Der vermögende Bürger könnte dem Phokas dereinst noch einmal nützlich sein und dem Bürger sein Problem abzunehmen war dem Protoarchitektonas ein Leichtes. Sein persönlicher Sekretär saß bei jeder seiner Unterredung mit Clienten im Hintergrund und fertigte Protokolle in einer Kurzschrift an, die er später dann zu Volltexten entfaltete. Auch hier sah Konstantinos eine Parallele zu Cicero und seinem berühmten Sekretär Tiro, der seinerzeit die Kurzschrift erfunden und Abkürzungen wie „etc“ und das „&“-Symbol eingeführt hat – Kürzel und Symbole, die auch noch Jahrhunderte später im Einsatz waren.

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