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[Garten] O sole mio

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Dienstag, 30. Oktober 2018, 12:09

O sole mio

Sim-Off:
zeitlich irgendwann zwischen dem Ausflug und Romanos Geburtstag


Athina besuchte Konstantinos Ehefrau Agatha. Sie kannten sich aus dem kaiserlichen Palast, denn Athina trat dort bisweilen als Hofdame in Erscheinung. So lernten sich die beiden Frauen kennen und ihre Freundschaft blieb auch nach ihrer beiden Hochzeiten bestehen, auch wenn es für Athina nun um die zweite Eheschließung handelte, nachdem sie etwa ein Jahr ihr Dasein als trauernde Witwe frönte, als sie Kyriakos das Jawort gab. Die Hochzeit fand im ganz engsten Kreise statt und wurde nicht publik gemacht. Nur das nötigste wurde eingereicht an Papieren. Lediglich drei von fünf Geschwister nebst Familien von Kyriakos waren zugegen und zwei Geschwister von Athina, die ihre Entscheidung durchaus billigten und für gut befanden. Die anderen Geschwister und Eltern des Gardisten blieben daheim: Die Eltern waren alt und die Reise zu viel für die alten Knochen und die beiden übrigen Geschwister kümmerten sich um die Eltern. Doch Athina und der Leibgardist hatten den Rest der Familie in Athen besucht. Da der junge Mann seine Familie finanziell unterstützte, erging es ihnen einigermaßen pasabel.
In Konstantinopel verhielten sich manche Angelegenheiten eben nun doch anders als in Rom. Viel wichtiger als die adlige Abstammung war: Der Manglabites konnte seine Frau finanziell absichern, stand ihr in nichts nach und brachte sein eigenes Geld mit, brauchte sie nicht wegen des Geldes heiraten. Der ältere Bruder von Athina hatte durchaus Erkundigungen eingeholt und nichts beschmutzte die weiße Weste des Schwagers in spe: Ein gläubiger Katholik und Ehrenmann.

Kyriakos versprach an diesem Tage, seine Frau bei Agatha abzuholen und mit ihr gemeinsam heim zu gehen. Mit gemischten Gefühlen sah er einer möglichen Begegnung mit Konstantin entgegen, aber er konnte ihm nicht auf Dauer aus dem Weg gehen und noch wusste er nicht, wie es sich zwischen ihnen weiter entwickeln würde und ob ihre Freundschaft auch nur den Hauch einer Chance haben mochte.
Das Gespräch mit Bardas verlief anders als gedacht, aber auch nicht ganz so, wie befürchtet. Der Mann mochte stur sein, aber er verstand sein Haus zu führen und war nicht so schlimm, wie er es hätte nach Konstantinos Beschreibung sein müssen. Womöglich bestand der Unterschied darin, dass Taronites eben auch als Soldat gedient hatte und dann Manglabites wurde, mittlerweile sogar zum ausgewählten Kreis von wenigen zählte, der die persönliche Leibgarde des Kaisers darstellte.
Der junge Mann traf seine Frau im Garten an mit Agatha, wo die beiden Damen zusammen saßen, sich angeregt unterhielten und lachten. Kyriakos lehnte sich an eine Säule und beobachtete beide. Athena sah bezaubernd aus. Ihr glasklares Lachen, wie Glocken. Sie sah nicht nur bezaubernd aus in allem was sie tat und egal was sie trug, sondern war eine kluge, fürsorgliche, aufopferungsvolle Frau, die ihre Meinung sagte und in den richtigen Situationen schwieg, Kyriakos den Rücken freihielt und selbigen ebenso stärkte. Er konnte sich nichts besseres wünschen und würde sie im Leben niemals freiwillig mehr hergeben, getreu dem Schwur: In guten wie in schlechten Zeiten, in Krankheit und Gesundheit, in Reichtum und Armmut. Was auch immer das Leben ihnen bereit halten mochte.

Kyriakos war nicht mehr im Dienst und hatte seine Rüstung und dergleichen in seinen dortigen Gemächern gelassen. Er trug Hose, Tunika und Mantel, letztere wies das Emblem der Manglabitai auf und zwar jenes, welches ihn als persönlichen Leibwächter des Kaisers auswies. Eine Weile beobachtete er die beiden Damen einfach nur mit einem Lächeln auf den Lippen. Schließlich trat er auf sie zu, verbeugte sich vor Konstantinos Frau wie es sich gehörte, immerhin war sie die Schwester des Kaisers und es gehörte sich eine gewisse Etikette selbst wenn er nicht mehr im Dienst war. „Euer Hoheit“
Vor Athina ging er in die Hocke und ergriff ihre Hand, blickte sie an und meinte: „Vermutlich braucht ihr zwei noch ein wenig Zeit. Nimm dir so viel wie du möchtest, ich werde warten.“ Sagte er mit ruhiger und eher leiser Stimme. Seine Finger streichelten behutsam den Handrücken der Hand, welche er in seiner hielt. Aus seinem Blick sprachen unendlich tiefe und innige Gefühle. Damit zog er sich zurück und setzte sich auf einen der Stühle, die er in der Nähe der beiden Frauen entdecktem verschränkte die Arme vor der Brust und schloss seine Augen.

Athina

Konstantinos Phokas

Protoarchitektonas tes Rhomaikes Autokratorias

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Donnerstag, 1. November 2018, 18:45

Konstantinos kannte die Freundinnen seiner Frau Agatha nicht wirklich. Zwar waren sie nun schon einige Zeit miteinander verheiratet und hatten sogar einen gemeinsamen Sohn, Alexandros, doch lebten sie im Grunde ihre eigenen Leben nebeneinander her. Agatha störten die Neigungen ihres Ehemannes nicht; ihn wiederum störten ihre Neigungen nicht. Dass sie, genauso wie er selbst, gewisse Leidenschaften für das eigene Geschlecht empfand, störte ihn natürlich am Wenigsten. So hatte man miteinander vereinbart, in Freundschaft das Eheleben zu führen, ohne sich gegenseitig zu behindern. Sie waren einander Freunde geworden, doch keine Liebenden. Einzig die Liebe zu ihrem gemeinsamen Sohn verband sie nebst ihrer Freundschaft.
An diesem Tage kündigte Agatha dem Ehemann beim gemeinsamen Frühstück an, dass ihre Freundin Athina sie besuchen würde. Der Name sagte ihm erstmal gar nichts. Dass es die Ehefrau von Kyriakos Taronites war, vermutete er indes auch nicht, hatte dieser seine Angebetete doch als Anitha, was übersetzt „die Begnadete“ hieß, vorgestellt.

Obwohl es bereits Mitte Oktober war, hielt sich die Sonne wacker und entsandte nach wie vor ihre wärmenden Strahlen, die einem ein gar wohliges Gefühl bereiteten. Nicht nur auf der Haut sondern bis ins Herz spürte man diese sonderbare lebensspendende Wärme. Während die zwei Damen im Garten miteinander sprachen – wohl den neuesten Klatsch vom Hofe austauschten – saß Konstantinos abseits im Schatten eines prächtigen Baumes an einem Tisch und brütete über unzähligen Pergamenten betreffend des künftigen kaiserlichen Landsitzes. Neben ihm stand sein Privatsekretär, der ihm immer wieder Dokumente vorlegte, die er dann unterschrieb, wie etwa den Befehl, tausend Mann für die Rodungen in den thrakischen Bergen zusammenzuziehen. Und das möglichst schnell!

Auch er warf immer wieder einen kurzen Blick zu den beiden Damen; wenngleich er sich nicht in ihr Gespräch einmischen würde, so würde er sich zumindest zu ihnen begeben, wenn sich der Gast zum Heimgehen anschickte. Dass plötzlich der Taronites hier auftauchte, hatte er indes wirklich nicht erwartet. Seinem aufmerksamen Blick entging der Besucher natürlich nicht. Als er ihn sah, dachte er zuerst, er wäre hier, um sich beim Kaisar zu entschuldigen. Doch der Mann blieb abseits der Frauen stehen und beobachtete sie still. Athina, ging es ihm durch den Kopf. Athina … Anitha … war das etwa seine Frau? Hatte er ihn damals angelogen, ihm einen falschen Namen gesagt, oder wusste er nicht mal, wie seine Angebetene tatsächlich hieß?
Konstantinos lehnte sich zurück und fixierte den Gardisten mit seinem Blick. Darin war kein Funken Freundlichkeit zu sehen, vielmehr ein gewisses Flackern, welches durch seine Mundwinkel noch zusätzlich unterstrichen wurde. Seit ihrer letzten Begegnung waren Wochen verstrichen. Seither hatte es der Gardist nicht für nötig befunden, von sich hören zu lassen. Umso mehr Konstantinos über das Handeln des Kyriakos Taronites nachgedacht hatte, desto mehr gelangte er zur Überzeugung, dass der Gardist im Grunde fahrlässig, eigensüchtig und ohne Pflichtbewusstsein gehandelt hatte.

Konstantinos schüttelte den Kopf und versuchte, den aufkommenden Ärger zu verdrängen. Langsam erhob er sich und spazierte betont langsam zu dem Mann hinüber. Er blieb vor diesem stehen und hielt ihm seine beringte Hand entgegen, sodass dieser sie küssen konnte, wie es sich gegenüber einem Kaisar anschickte. „Was suchst du hier? Bist du gekommen, um dich zu entschuldigen?“, fragte er dann mit monotoner und kühler Stimme, obwohl er keineswegs annahm, dass der Gardist deshalb gekommen war. Wie es sich tatsächlich verhielt, war ja augenscheinlich.

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Freitag, 2. November 2018, 06:49

Der Gardist hatte nicht bemerkt, dass der junge Senator unter einem Baum im Schatten saß und arbeitete. Ihn zu ignorieren lag nicht in seiner Absicht, auch wenn dies in den vergangenen drei oder vier Wochen so den Anschein erwecken mochte.
Der Tag war verdammt hart gewesen und Kyriakos hatte die Augen geschlossen, als Konstantinos ihn ansprach. Umgehend erhob sich der Soldat von seinem Platz und blickte den jungen Mann, der ihm gegenüber stand mit festem Blick an.
Was seine Frau betraf, hatte er nicht gelogen, denn es gab durchaus eine Geschichte dazu, wieso er seine Frau Anitha nannte, wenn er von ihr sprach und er hatte Gründe, welche zwar der Hausherr nicht kannte, aber danach hatte auch niemand gefragt.
In Konstantinos Stimme lag ein Ton, der dem Gardisten nicht gefiel, doch das war ein anderes Thema. Von einer angeblichen Freundschaft keine Spur, doch war er sich nicht sicher, ob es Arroganz, Überheblichkeit oder Verletztheit war. Jetzt war kaum der richtige Zeitpunkt sich darüber Gedanken zu machen. Im Zweifelsfall saß der Schwager des Kaisers am längeren Hebel, unabhängig davon was er dem Gardisten schuldete oder nicht. Im Zweifelsfall setzte er eben nicht auf die Hoffnung, dass dieser im Ernstfall sich daran erinnerte und Nachsicht walten ließ, sondern ging vom Schlimmsten aus, dass er seinen Kopf verlor, wenn Konstantinos verärgert genug wäre. Möglicherweise war Phokas junior doch genauso wie die meisten anderen Adligen auch, Familienprinzipien hin oder her, von wegen: Wir Phokas begleichen unsere Schuld.

So herausfordernd wie der Kaisar ihm die beringte Hand entgegen streckte, verstand der Manglabites, was von ihm verlangt wurde und folgte dem Wunsch, küsste die Hand seines Gegenübers und schwieg eine Weile, bevor er antwortete: „Entschuldigen wofür? Dass ich nicht Freund und Leibwächter gleichzeitig sein kann?“ Erkundigte er sich mit ruhiger Stimme.
Von der angeblichen Freundschaft schien alles verflogen zu sein. Er fühlte sich gedemütigt, dass er sich nun so förmlich verhalten musste und Dankbarkeit schien in gewissen Kreisen womöglich auch nichts mehr zu bedeuten oder Kyriakos hatte mehr gesehen und geglaubt und zu hoffen gewagt, dass der Phokas Spross anders sein würde, als die vielen anderen Schnösel. Womöglich ein Irrtum? Ein leichtes Seufzen kam über seine Lippen.
Kyriakos war sich nicht mehr sicher, ob es zwischen ihnen wirklich Freundschaft gegeben hatte. Er wusste nur, was er bereit war zu geben und Konstantinos kannte er nicht gut genug, um das beurteilen zu können, hoffte nur, dass er selbst sich diesmal nicht so irrte und falsch lag, wie man ihm glauben machen wollte und nach dem Gespräch mit Bardas sollten ihm sämtliche Alarmglocken schellen und er es als Annäherungsversuch betrachten, um den Soldaten ins Bett zu bekommen, doch ein Stück weit wollte er so naiv und blauäugig sein, dies nicht zu glauben.

Es gab keine Pflichtverletzung in den Augen des Kentarchos und auch keine Fahrlässigkeit, denn die Viglen begleiteten den Protoarchitektonas und Kyriakos begleitete den Phokas Spross freiwillig, also konnte er sich auch davon entbinden lassen. Fahrlässig wäre ohne dessen Einverständnis zu gehen, doch dieses hatte er sich eingeholt, mit ihm darüber gesprochen und ihn informiert.
Sie besaßen damals beide aufgeheizte Gemüter und ein Wort ergab das andere. Kyriakos wollte gehen und Konstantinos ließ ihn ziehen. „Oder weil ich nicht glaubte, dass der Mega domestikos in den Augen seines Sohnes so ist, wie dieser ihn schilderte? Bringt es überhaupt etwas, wenn ich mich entschuldige? Es gehören immer zwei dazu: Auch einer, der bereit wäre zu vergeben und einzusehen, dass auf beiden Seiten Fehler geschehen sind und zwei Dickschädel aufeinander trafen.“ Meinte Kyriakos ganz offen und direkt. Er wurde nicht laut und vergriff sich ebenso wenig im Ton, dafür war er zu sehr Soldat und geschult, nicht gleich gereizt zu reagieren, sondern sich zurück zu halten.
Nachgedacht hatte Kyriakos in den vergangenen Tagen genug und fand keinen Weg, was er sagen sollte. Entschuldigen vielleicht schon, aber er hegte Zweifel, ob Konstantinos das überhaupt hören wollte.

Wenn er etwas nicht wollte, dann dass die Freundschaft zwischen den beiden Frauen schaden nahm, weil Kyriakos womöglich aus Stolz und verletzter Eitelkeit sich nicht entschuldigte. Ob das reichte, Konstantinos zu besänftigen? Er wusste es schlicht und ergreifend nicht. So wie er seine Frau kannte, ließ die sich kaum so schnell einschüchtern. Doch Agatha kannte er nicht und wusste sie auch nicht einzuschätzen, inwieweit sie unter Umständen bei Romanos sich ausweinte und von ihrem Kummer sprach und Eheproblemen, falls es welche gab oder ob sie sich von ihrem Mann eine Freundin verbieten ließ. Der Soldat würde einen Besuch Agathas gewiss nicht untersagen, nur wegen seiner Differenzen mit Konstantinos.
Im Falle der Fälle das der Kaisar den Nachtragenden spielen wollte und ihn in Missgunst bringen wollte, würde es gewiss Mittel und Wege geben, dem Einhalt zu gebieten und entgegen zu wirken. Ein Kaisar mochte die Gunst Romanos haben, aber auch die war nicht unerschöpflich. Doch das gehörte zu den Dingen, auf die er nicht hoffen wollte, sondern dass sich der Senator durchaus daran erinnerte, dass es an ihm war, noch eine Schuld zu begleichen.

Kyriakos entschied sich, dass es womöglich das Gescheiteste sein dürfte, um des lieben Friedens Willen und um vielleicht doch noch eine zarte Pflanze der Freundschaft zu retten, nachzugeben, Großmut zu zeigen und sich zu entschuldigen. Über dieses Thema ließ sich streiten. Er empfand es in gewisser Weise als Demütigung, dass von ihm eine Entschuldigung gefordert wurde, denn er selbst sah es als eine Patt Situation: Beider Verhalten hatte dazu geführt, dass sie derart auseinander gegangen waren, doch wenn niemand einen Anfang machte, würde sich auch nichts ändern und sie nicht da raus kommen.
Wie ernst ihm damit war, zeigte sich darin, dass er sein Knie beugte, um sich zu entschuldigen. Es kostete ihn verdammte Überwindung sich niederzuknien. „Ich entschuldige mich für mein Verhalten.“ Denn das wurde ihm wohl vorgeworfen.

Zwar musste er seine Meinung über Bardas korrigieren, das hieß aber noch lange nicht, dass er Konstantinos Recht geben würde, allerdings verstand er nun dessen Standpunkt. In seinen Augen war Bardas kein schwieriger Mensch, nicht so wie Kyriakos annahm nach der Beschreibung des Kaisars. Das gehörte dann wohl eher zu den Dingen, die er für sich behalten sollte, wie man ihm anriet. Vermutlich würden sie bezüglich des Vaters nur wieder in die Köppe kriegen, wegen absolut verschiedener Ansichten. Und in einem Punkt hatte Konstantinos recht: Kyriakos war Soldat und vermutlich verhielt sich Bardas deshalb zu ihm anders als zu seinem eigenen Sohn Konstantinos, welcher eben diesen Weg nicht einschlug, auch wenn er es versucht hatte und feststellte, dass darin nicht seine Berufung lag.

Konstantinos Phokas

Protoarchitektonas tes Rhomaikes Autokratorias

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Freitag, 2. November 2018, 18:35

Was im Kopfe des Taronites vorging, konnte Konstantinos natürlich nicht wissen. Das galt auch vice versa. Ein Phokas beglich immer seine Schuld, in der Tat und Konstantinos hatte dem Taronites irgendeine Beförderung oder Belohnung ja sogar aufdrängen wollen. Der aber hatte abgelehnt und darauf verwiesen, dass es nur seine Pflicht gewesen wäre, dem Phokas zu helfen. Damit war die Sache für den Phokas abgehakt; selbst jetzt, im Streite, würde er, falls der Manglabites eine Begleichung der Schuld forderte, dies auf der Stelle tun. Mindestens aus Ehrgefühl.

Der Taronites fragte sogleich, wofür er sich denn entschuldigen solle, etwa dafür, dass er nicht Freund und Leibwächter zugleich sein könnte? Konstantinos brummte etwas Unverständliches und schwieg dann einen Moment lang. „Dafür, dass du mich allein gelassen hast. Ein Gardist weniger kann einen Unterschied machen, zumal wenn es sich um den besten Streiter der Gruppe handelt. Wäre mir was zugestoßen … mein Vater hätte dich als Wachsoldat in die entlegenste Festung gesandt, auf Lebenszeit, zum Hauptkloputzer ernannt.“
Sein Blick wanderte zu den beiden tratschenden Frauen, die ihre Ehemänner weitgehendst ignorierten. „Es ist schon faszinierend, dass du dir anmaßt, meinen Vater besser zu kennen als ich. Das wäre so, als würde ich dir erzählen, wie deine Frau tatsächlich tickt. Dabei kenne ich sie so gut, wie du meinen Vater kennst.“ Dass Kyriakos seinem Vater einen Besuch abgestattet hatte, wusste der Kaisar natürlich nicht. Für ihn war es schlichtweg absurd, dass jemand, der den Bardas Phokas nur vom Dienste her kannte zu glauben schien, ihn besser zu kennen als der eigene Sohn.

Brav küsste der Manglabites seinen Ring und Konstantinos nahm es mit Genugtuung auf, als dieser sich gar hinkniete und ihn um Verzeihung bat. Das berührte nun doch sein zartes Herz, welches sich nie dauerhaft gegen jemanden verhärten konnte. Konstantinos fasste ihm unter die Achsel und zog ihn wieder herauf. „Gut. Ich verzeihe dir. Damit wäre die Sache wohl geklärt“, sagte er und schloss damit die Sache ab. „Reden wir nicht weiter darüber. Nichts anders als eine Entschuldigung wollte ich von dir.“ Sich selbst zu entschuldigen hatte der Phokas indes nicht im Sinne. Wofür auch?

Konstantinos war schon ein merkwürdiger Mensch. Manchmal sprangen seine Gefühle hin und her; vielleicht Andeutungen einer tieferen Depression? Er konnte binnen Minuten von Trauer zu Freude, von Wut und Distanziertheit zu üppiger Freundlichkeit umschwenken. „Komm, gehen wir ein paar Schritte, während sich unsere Weiber unterhalten“, sagte er und hakte sich freundschaftlich beim Taronites ein. „Ich wusste ja gar nicht, dass die zwei miteinander befreundet sind. Das erscheint mir ein guter Ausgangspunkt für unsere Freundschaft, die doch bereits zu Beginn unter Streitereien gelitten hatte, zu sein. Vielleicht wollen wir einmal alle gemeinsam ins Hippodrom oder ins Theater gehen?“, fragte er sodann und spazierte den Kiesweg entlang.
Als sie weit genug entfernt waren, sodass man sie nicht hören konnte, blieb Konstantinos stehen, löste sich vom Gardisten und begutachtete scheinbar eingehend ein Blumengestrüpp. „Es gibt etwas, was ich dir noch nicht erzählt habe. Ich vertraue darauf, dass du Diskretion bewahrst. Zu deinem eigenen Wohle, angemerkt.“ Endlich wandte er sich von den Blumen ab und blickte den Taronites direkt in die Augen. „Die Gerüchte über mich, die du vielleicht gehört hast, sind wahr“, sagte er mit monotoner Stimme. „Sieh es als Vertrauensbeweis an, dass ich dir dies erzähle. Ja, ich fühle mich zu Männern hingezogen. Meine Frau weiß es. Mein Vater auch. Ebenfalls der Kaiser. Mittlerweile sogar der Patriarch…wobei, das ist eine eigene Geschichte.“ Gespannt musterte er den Taronites um nichts von dessen Reaktion zu verpassen. „Ich hoffe, das ist kein Problem für dich. Ich habe meine Karten offengelegt. Und ja, ich gebe zu, mir war damals im Zelt gar nicht so kalt, ich wollte vielmehr abschätzen, ob du ähnlich gestrickt bist, wie ich. Ich kann es ja schlecht einfach ansprechen und dich darüber ausfragen. Nun, du bist offensichtlich nicht in der Art gestrickt. Das akzeptiere ich natürlich, obwohl es schade ist, hehe. Bei einem Soldaten wäre es aber auch weitaus ungewöhnlicher als bei einem Künstler wie mir. Künstler sind eben anders.“

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Freitag, 2. November 2018, 20:01

„Unfug, Euch wäre nichts zugestoßen. Die Viglen waren instruiert und Euer Vater hat mich vor sämtlichen Gefahren gewarnt, die es zu berücksichtigen galt. Und ein Mann mehr oder weniger hätte im Ernstfall nichts gebracht. Abgesehen davon habt Ihr meinem Wunsch entsprochen, wenn ich Euch erinnern darf, das hättest Ihr nicht tun müssen.“ Kyriakos versuchte ruhig zu bleiben, doch in seiner Stimme lag ein minimales Zittern. Ach und das war‘s? Ich erniedrige mich und du wolltest nur eine verdammte Entschuldigung für etwas, woran du genauso die Verantwortung trägst? Und ja, er kannte Bardas nur von zwei Gesprächen, aber konnte sich durchaus einen Eindruck verschaffen, aber woher sollte Konstantinos auch wissen, dass Taronites ihn in gewisser Weise verstand, nachdem er hörte, wie Bardas über seinen Sohn sprach. Doch noch mal griff er dieses Thema nicht auf.

„Meine Frau ist kein Weib! Freundschaft? Ihr sprecht tatsächlich noch immer über Freundschaft? Ich bin mir nicht sicher, ob die Freundschaft unserer Frauen als Voraussetzung reicht, um zwischen uns eine Freundschaft entstehen zu lassen. Ich fürchte, wir sind viel zu verschieden und haben womöglich eine völlig unterschiedliche Auffassung von Freundschaft. Ein Freund ist nicht beleidigt und stellt keine Forderungen. Freundschaft lässt sich nicht an Bedingungen knüpfen. Freundschaft ist bedingungslos, vergibt und kann jede Wahrheit vertragen.“
Offenbarte Kyriakos seine Zweifel, ob sie jemals Freunde werden könnten.
„Ich habe Anitha nicht gefragt, aber vermutlich kennen sie sich aus dem kaiserlichen Palast. Sie passt bisweilen auf die Kinder Eurer Schwester auf. Vermutlich sind sie sich dort begegnet.“

Da war es wieder: Er nannte sie Anitha und es handelte sich gewiss nicht um ein Versehen und so dämlich Konstantinos dauerhaft und zudem noch in dessen Haus anzulügen, war er nicht. „Die Militärparade anlässlich des Geburtstages seiner kaiserlichen Majestät steht vor der Tür und ich habe genug zu tun. Ich habe keine Zeit vorher für irgendwelche Vergnügungen wie Theater. Es wurden extra Trainingseinheiten angesetzt und ich bin abends froh, wenn ich nach Hause komme, nicht zu müde zum Essen bin und sofort ins Bett falle.“

Kyriakos ließ es geschehen, als sich Protoarchitektonas einhakte und hörte ihm zu. Schließlich kam das Geständnis und er nannte es Vertrauensbeweis. „Ihr habt auch da schon gewusst, dass ich liiert bin und habt es dennoch versucht! Eure Neigungen sind mir völlig egal und es ist mir genauso egal, wer von was etwas weiß, aber Freunde testen nicht ständig Grenzen aus und überschreiten selbige. Freunde erniedrigen nicht einander und Freunde stehen auf der gleichen Stufe. Das ist bei uns nicht der Fall und wird es wohl auch bedauerlicher Weise niemals werden.“
Denn dazu müsstet Ihr von Eurem hohen Ross herab steigen und mich nicht ständig von oben herab behandeln. Genau diesen Eindruck hatte er von dem jungen Phokas mittlerweile. Eben weil er noch nicht mal einsah, dass zu Differenzen, Streitigkeiten, Auseinandersetzungen immer zwei gehörten. Der Gardist empfand das Verhalten als nicht nachvollziehbare Sprünge zwischen Hüh und Hott.
„Ich habe seiner kaiserlichen Majestät einen Eid geschworen und der greift in gewisser Weise wohl auch auf dessen Familie über. Ich tratsche nicht über Geheimnisse, Geschehnisse oder Gespräche. Es gibt einen Passus, Verschwiegenheit zu wahren, aber das solltet Ihr ja wohl wissen, als ehemaliger Manglabites. Man bekommt viel mit in meiner Position und geht damit nicht hausieren. Ihr habt mein Wort, dass ich darüber Schweigen bewahre.“

Dann gestand er auch noch, dass es Absicht war und er in jener Nacht testen wollte, wie weit er bei dem Gardisten gehen konnte. „Seht Ihr, genau das meine ich: Ein Freund kann so etwas ansprechen, ohne etwas befürchten zu müssen, aber Ihr spielt lieber Spielchen ohne Rücksicht auf Verluste. Hättet Ihr bloß zugehört oder gefragt!“
Ein wichtiger Grundbaustein war in Kyriakos Augen bereits beschädigt: Vertrauen! Wie sollte er Konstantinos vertrauen nach diesem Geständnis, dass er meinte, ihn testen zu müssen, statt einfach seinen Worten zu glauben?
Es war weniger der Umstand, dass der junge Phokas eine Neigung zu Männern hatte, sondern mehr das Geständnis, dass er von dem Soldaten mehr gewollt hatte, was ihn sauer machte.
Anspielungen auf seine Macht und seinen Stand, so empfand er es. Kyriakos wusste sowohl um den Stand und die Herkunft und musste es nicht ständig unter die Nase gerieben bekommen und er selbst gehörte nicht zu den Menschen, welche alles brühwarm erzählten.
So sind wir Künstler eben! Kyriakos verdrehte die Augen. Und ich bin Schild und Schwert des Kaisers, wichtiger als irgendein Architekt, denn wenn Männer wie ich den Kaiser nicht schützten, wären andere Personen nicht sein Günstling.

Konstantinos Phokas

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Freitag, 2. November 2018, 20:44

Konstantinos zuckte mit den Schultern, als der Manglabites seinen Vorwurf, er habe ihn in Gefahr gebracht, als Unfug abtat. „Den Kaiser bewachst du jedenfalls selbst im Kronrat in einer Weise, als würde dort die größte Gefahr bestehen. Dabei bringt ein Mann mehr oder weniger nichts. Und im Kronratssaal besteht nun wirklich keine Gefahr. Aber lassen wir dieses Thema mal.“ Natürlich hatte er seinem Wunsch entsprochen. Hätte er ihn gezwungen, dortzubleiben, hätte er die Freundschaft auch gleich komplett aufkündigen können. „Wie hätte ich dich zum Bleiben zwingen können?“, fragte er ernsthaft und widersprach sich damit selbst, hatte er doch gerade gesagt, sie sollten das Thema lassen.

Dass sich der Manglabites über das gewöhnliche Wort Weib empörte, verstand der Phokas nun mal gar nicht. Also durfte man die Heilige Maria im Gebete ein Weib nennen („gebenedeit unter den Weibern“), die Frau des Kyriakos jedoch nicht? Abstrus. Die Halsstarrigkeit des Manglabites verärgerte nun auch so langsam wieder den Phokas. Als hätte er selbst nichts zu tun! Am liebsten hätte er ihm jetzt eine geklatscht, er hielt sich jedoch nobel zurück. „Es war ein Angebot ohne genauen Termin“, erwiderte er nachdenklich mit einem Hauch des Bedauerns in der Stimme. Dass er das Angebot so brüsk zurückwies, brachte den Phokas ernstlich zum Grübeln. Was für ein Problem hatte der Mann?
Dass sich Kyriakos innerlich über die falsche Bezeichnung seiner Frau Athina aufregte, wusste der Phokas natürlich nicht. Allerdings war er ernstlich verwundert, als Kyriakos sie nun ebenfalls wieder Anitha nannte. Einmal war sie Athina, dann wieder Anitha. Konstantinos war zwar ein Homo, aber immerhin kannte er den Namen seiner Frau.

Er hob kurz die Hand und wandte sich vom Gardisten ab. Er starrte die Blumen an und holte tief Luft. Eine Schweißperle wanderte über seine Stirn. „Was soll ich tun? Ich versuche mein Bestes zu geben. Nichts tue ich aus Boshaftigkeit. Ich versuche das Richtige zu tun, ohne meine Ehre zu verletzen, die mir durch den Titel eines Kaisars gegeben ward. Du verstehst es nicht, wie es ist, so eine Neigung zu haben. Ich konnte dich ja schlecht fragen, ob du auch so bist. Ich bin zur Geheimniskrämerei gezwungen. Das gemeine Volk muss im guten Glauben verbleiben, dass wir da oben perfekte und vorbildliche Leben führen. Dazu sind wir gezwungen. Das ist keine Entscheidung, die man selbst fällt.“

Nach wie vor war er vom Taronites abgewandt und schien sich gar eingehend mit den Blumen zu beschäftigen. „Gerade eben versuchte ich, mich dir zu offenbaren. Meine Karten offenzulegen. Das Spiel, die Scharade, zu der ich durch meine Gesinnung gezwungen bin, zu beenden. Was hätte ich tun sollen? Dir bei erstbester Gelegenheit sagen, dass ich ein schlimmer Sünder bin und damit das zu gefährden, was sich so langsam aufbaute?“ Langsam drehte er sich zu Kyriakos um, fasste ihn fest an beiden Schultern und starrte ihm ins Gesicht. „Was kann ich tun, um dich von der Ehrlichkeit meiner Absichten zu überzeugen? Muss ich mich vor dir niederknien? Das kann ich nicht. Das gebührt sich nicht. Ich kann mich nur bei dir entschuldigen, dafür, dass ich dir nicht von Anfang an gesagt habe, was Sache ist.“ Er räusperte sich, zog die Arme zurück und neigte sein Haupt. „Es tut mir Leid. Ich wollte nicht, dass es so kommt. Wir beide haben Schuld daran. Meine Angst, meine gezwungene Geheimniskrämerei und deine verdammte Sturheit sind an allem Schuld. Du hast wohl Recht. Vielleicht soll es nicht sein. Du scheinst auch kein Interesse mehr daran zu haben. Das hast du ziemlich eindeutig klargestellt. Du solltest jetzt zu deiner Frau gehen."

Damit wandte er sich vom Gardisten ab, schritt zu einem Eingang ins Innere des Palastes, betrat denselben, schloss scheinbar seelenruhig die Tür hinter sich und schlug dann aus Frust mit seiner Faust mehrmals dermaßen kräftig gegen einen hölzernen Schrank, dass seine Hand zu bluten begann.

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Samstag, 3. November 2018, 10:22

„Ihr seid nicht der Kaiser und selbstverständlich bewache ich den Kaiser selbst im Kronratsaal. Manchmal ist ein vermeidlicher Freund ein größerer Feind, als der Offensichtliche! Ihr seid nicht derjenige, der meine Kompetenzen als Manglabites in Zweifel zu ziehen hat! Ihr vergesst den Eid! Ich habe geschworen für den Kaiser zu sterben! Und diesen Schwur habe ich nicht nur einmal geleistet!“ Jetzt war Kyriakos wirklich verärgert. Konnte es sein, dass da Eifersucht durchkam, weil er seine Pflichten gegenüber dem Kaiser so ernst nahm, wie sonst nur weniges anderes und sich der Architekt des Kaisers weniger wert fühlte? Benachteiligt?
Fragte Konstantinos jetzt tatsächlich wie er den Mann hätte zum Bleiben zwingen können? Verständnislos schüttelte er den Kopf und schwieg. Na wenn er das nicht wusste, war ihm nicht mehr zu helfen. Der Gardist hatte um Einverständnis gebeten und das hätte man ihm nicht geben müssen.

Wenn Konstantinos tatsächlich seine Hand erhoben hätte, wäre die Situation entweder in eine Prügelei ausgeartet, doch darauf wetten wäre vielleicht keine so gute Idee gewesen, denn vielleicht hätte er auch ganz anders reagiert und hätte noch seine andere Wange hingehalten.
Sie befanden sich wieder in einer Situation, wie sie sie bereits öfters erlebten im gegenseitigen Umgang: Kyriakos sagte etwas, Konstantinos wunderte sich, aber stellte keine Fragen und Kyriakos vertiefte das Thema nicht, wie eben halt der Name seiner Frau und das er es nicht leiden mochte, das der Kaisar sie als Weib titulierte.

„Euer Bestes? Ich hatte Euch zugesagt, das Risiko einer Freundschaft einzugehen mit allen Konsequenzen und nun kommt Ihr mir mit irgendwelchen Fassaden, die man vor dem Volk aufrecht erhalten muss? Ich bin nicht das Volk! Vor einem Freund braucht es keine Fassaden, sondern Ehrlichkeit und Vertrauen! Keine Maskerade!“
Das gebührt sich nicht? Manchmal waren genau die Dinge, die sich nicht gehörten die Richtigen! Seine Neigung gehörte sich auch nicht und trotzdem ging er ihr nach.

Als Wiedergutmachung für den Lebensretter wollte er selbstverständlich kein Geld oder Titel, er dachte damals wie heute daran, dass ein Gefallen manchmal mehr wert sein konnten, als etwas so banales wie Geld, das er nicht brauchte, weil er selbst genug verdiente und einen Titel? Was sollte er damit, wenn er in Ungnade fiel bei Hofe, da nützten ihm Titel nichts, die einem aberkannt werden konnten, wie sie einem zufielen.

Jemand der so auf seine Ehre und seine Wirkung nach außen in Richtung Volk bedacht war, ging scheinbar doch etwas unbedacht mit gewissen Aktivitäten um, wenn nun sogar schon der Patriarch darüber Bescheid wusste.
Bardas wäre wahrscheinlich schon in der Position gewesen, den Soldaten irgendwo in die Walachei zu versetzen, an die Ostfront oder sonst wohin, ob es tatsächlich so geschehen wäre, vermochte Taronites nicht zu beurteilen.

Statt zu gehorchen folgte Kyriakos Konstantinos. Er war kein treudoofer Hund, der seinem Herrn folgte, egal wie arg man ihn prügelte. Aber zum ersten Mal hatte er gerade Einsicht erlebt, den Eindruck von Reue gewonnen und glaubte tatsächlich, dass die Entschuldigung von Herzen kam und ehrlich gemeint war.„Das war reichlich dämlich, so was macht man nie mit der Hand, die man zum Schreiben benutzt. Und Ihr werdet diesmal nicht weglaufen! Das wird geklärt! Jetzt und heute!“ Meinte der Gardist und bezog sich auf ihre Differenzen. „Ich werde keine Versprechungen machen, die ich nicht halten kann. Genauso wenig bin ich im Moment bereit mein Angebot zu wiederholen. Es wird Zeit brauchen, damit wir beide zur Ruhe kommen. Allerdings wäre ich durchaus bereit, Euch weiterhin als Trainingspartner zur Verfügung zu stehen, falls Ihr noch die Absicht hegt, Euren Schwertarm zu verbessern, auch wenn dies warten muss, bis nach dem Geburtstag seiner kaiserlichen Majestät. Zudem bin ich mir nicht sicher, ob es sinnvoll ist, das Training bei den Manglabitai durchzuführen, das wäre mein Heimvorteil. Womöglich wäre es gescheiter hier bei Euch zu Hause zu trainieren. Unter einer Bedingung: Fangt endlich an zu reden und spuckt zum Henker noch eins aus, was Euch im Kopf herum spukt!“
Das wäre nun durchaus eine gute Gelegenheit nach Dingen zu fragen, zum Beispiel welche Bewandtnis es mit dem Namen hatte, welchen Kyriakos für seine Frau benutzte.
Er verwendete zwar das Wort Bedingung, wollte aber eigentlich, dass Konstantinos endlich aus sich raus kam, sich wie ein Mann verhielt und Tacheles redete.
Was die Überlegung betraf, das Training hier zu absolvieren, hatte ebenso einen Hintergrund, denn der Gardist wollte Bardas immer noch beweisen, dass der Architektonas des Kaisers ein ganzer Mann war und ein guter Kämpfer, auch ohne Soldatenlaufbahn. Abgesehen davon dachte er daran, dass es nicht wieder zu einer Situation kommen sollte, wo Konstantinos Ansehen angekratzt werden könnte und er sich vorgeführt fühlen mochte oder eine Situation für fremde Augen unangemessen sein mochte.

Konstantinos Phokas

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Montag, 5. November 2018, 11:37

Nachdem er den Holzschrank vergeblich verprügelt hatten, mit dem einzigen Resultat, dass seine Fingerknöchel schmerzten und leicht anschwellten, neigte er sein Haupt und starrte auf den Boden. Dabei stützte er sich mit der anderen Hand an der Wand ab. Schon stand der Gardist wieder neben ihm und dachte gar nicht daran, ihn in Ruhe zu lassen. Er zeigte sich hartnäckig und vielleicht war das sowohl Fluch als auch Segen ihrer Freundschaft. Konstantinos hörte sich dessen Worte schweigend an, ohne den Blick vom Boden zu nehmen. Die Bemerkung, dass es reichlich dämlich war die Schreibhand für das Rauslassen der Frustration zu benutzen, guttierte er mit einem schmerzverzerrten Lächeln.

„Fürs Training hast du plötzlich Zeit, wenn ich aber ganz zürückhaltend vorschlage, irgendwann einmal gemeinsam ins Theater oder Hippodrom zu gehen, tust du so, als hätte ein Gardist keinerlei Freizeit und weist dieses Angebot brüsk zurück. Glaubst du denn, ich hätte nicht auch viel zu tun? Klar, ich kann mir meine Arbeitszeit völlig selbst einteilen, aber du musst auch wissen, dass der Kaiser ein ungeduldiger Mensch ist. Müßiggang kann ich mir auch nicht leisten. Der Kaiser will Ergebnisse sehen. Ich muss einen Landsitz bauen, einen Tempel für den Purpurritterorden und obendrein noch eine ganze neue Stadt aus dem Boden stampfen. Wenn ich dir so ein Angebot mache heißt das nicht, dass ich mir damit eben eine wahllose Beschäftigung für meine Freizeit suche, nein, das heißt, ich muss auch Zeit dafür finden und ich bin bereit, dies zu tun, dann muss ich an einem anderen Tag eben doppelt so lange arbeiten, um das Pensum aufrecht zu erhalten.“
Mit der gesunden Hand stieß er sich von der Mauer ab und drehte sich zu Kyriakos um, der neben ihm stand. Die Idee, das Training hierher zu verlegen gefiel auch dem Konstantinos recht gut. Ein Nebeneffekt war, dass so vielleicht auch mal der Vater sehen würde, dass Konstantinos kein Waschlappen war, sondern ein durchaus fähiger Kämpfer. „Ja…gerne würde ich dieses Angebot annehmen. “, erwiderte er darauf leise.

„Was in meinem Kopfe herumspukt?“, fragte er dann. „Du willst es wissen? Ich hatte einst einen engen Freund, wir liebten uns. Vor Jahren verschwand er dann in den Wirren der Kriege, ich ließ überall nach ihm suchen, doch niemand konnte ihn finden. Immerzu dachte ich an ihn, wenn ich mich mit anderen vergnügte, dann nur zur Ablenkung und ohne große Lust, jedenfalls aber ohne jede Liebe. Vor zwei Monaten kehrte derselbe wie aus dem Nichts zurück, doch ist er nicht mehr derselbe; der, den ich für meinen Lebensfreund, meine große Liebe hielt, hat sich so sehr verändert, dass ich ihn kaum wiedererkenne. Sein Interesse an mir ist jedenfalls verschwunden, weg, und der Gedanke, der mich über Jahre zum Weitermachen motivierte, ist nun ebenfalls dahin. Ich habe ihn wieder, gleichzeitig habe ich ihn für immer verloren. Er war für mich das, was für dich Athina, oder Anitha, ist. So, nun weißt du, wieso ich zur Zeit in einem Wechselbad der Gefühle lebe. Ich habe alles, Geld und Titel, doch nicht das, was es braucht, um ein Herz zu befriedigen. Welchen Sinn hat ein Leben ohne jemanden, den man zutiefst lieben kann?“

Endlich stellte er wieder Augenkontakt her. „Aber nun sag mir endlich, warum du deine Frau mal Athina, mal Anitha nennst. Ich bin mir sicher, dass du sie mir als Anitha vorgestellt hast, Anitha, von Anna herkommend, die Begnadete.“
Konstantinos hoffte indes, nichts falsches gesagt zu haben, was den Taronites erneut erzürnen könnte. Er versuchte sein Bestes, sein Ärger war mittlerweile verflogen und er wirkte schlichtweg nachdenklich und verunsichert.

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Dienstag, 6. November 2018, 07:12

„Im Augenblick steht mir nicht der Sinn nach vergnüglichen Sachen wie Theater oder Hippodrom und ich kann mir meine Freizeit im Moment nicht einteilen wie ich möchte. Das habe ich gerade versucht zu erklären: Die Umstände der Militärparade sind etwas kompliziert und ich werde nicht verraten, was geplant ist, aber meine Verpflichtung lassen nicht wirklich viel Spielraum. Ein Training kann ich irgendwo dazwischen schieben, rechtfertigen und erklären, nicht aber weshalb ich ins Theater gehen will, wo Vorstellungen an einen festen Termin gebunden sind und ich sagte: Das fällt flach bis der Geburtstag seiner Majestät vorüber ist und nicht, dass ich gänzlich abgeneigt bin. Ganz zu schweigen davon beschloss seine Majestät, dass ich künftig zum elitären Kreis seiner persönlichen Leibwache gehöre, bedeutet jederzeit zur Verfügung zu stehen. Und jetzt hört auf, alles auf die Goldwaage zu legen, sonst ernenne ich Euch noch zum Korinthen Scheißer!“ Und revidiere unter Umständen auch mein Angebot wieder. „Freundschaft lässt sich nicht erzwingen und im Augenblick habe ich keine Antwort darauf, außer dass wir uns Zeit nehmen müssen und nichts erzwingen können. Abgesehen möchte ich Euch daran erinnern, dass Ihr es wart, der mir gerade unterstellt hat, ich sei an einer Freundschaft nicht interessiert. Ins Theater geht man mit Freunden und nicht mit jemandem, den man nicht für gleichgestellt hält. Eine Freundschaft ist eine gleichberechtigte Partnerschaft und wenn Ihr mit meinem Stand ein Problem habt, wäre es wohl sinnvoll, das Thema noch mal zu überdenken. Abgesehen davon verstehe ich vom Umgang mit Waffen mehr als vom Theater und natürlich stehe ich noch immer zu meinem Wort, Euch dabei zu helfen, besser zu werden. Unabhängig davon, ob und was zwischen uns steht.“ Der Manglabites sprach mit ruhiger Stimme und verlor diesmal nicht die Fassung.

Kyriakos hörte schweigend zu und wusste nichts zu erwidern, dass den Schmerz hätte nehmen können. Mit leiser Stimme entgegnete er: „Ich habe gesehen, was der Krieg aus Männern macht. Manche sterben, manche verlieren den Verstand und manche finden zu Gott, gehen ins Kloster und ziehen sich komplett aus dem weltlichen Leben zurück. In einer Situation wie Ihr gerade seid, kann nur die Zeit den Schmerz vielleicht etwas mildern.“
Egal was er sagen würde, der Schmerz war zu groß, als dass Konstantinos wohl glauben mochte, irgendwann noch mal eine Liebe finden konnte. „Ihr werdet Euren Sinn finden, wenn der Schmerz vergeht.“
Kyriakos ließ sich nicht darauf ein, dass vormals angebotene Du – Wort zu benutzen. Er sprach ruhig, bedächtig und ziemlich nachdenklich. Seine Stirn lag in Falten des Grübelns über die Worte, welche er eben von dem Architekten gehört hatte.

„Daran erinnere ich mich und schon damals habt Ihr mich darauf hingewiesen, dass ich sie die Begnadete nenne. Meine Frau heißt Athina, aber für mich ist sie eben mehr, eben begnadet, etwas ganz Besonderes. Ihre Großmutter hieß Anitha und ich finde, dieser Name hätte viel besser zu ihr gepasst. Athina besitzt ein sehr großes Herz, ganz viel Geduld, Umsicht, Nachsicht und liebt mich bedingungslos, ohne wenn und aber, ohne Rücksicht auf Verluste und trotz der Einwände ihres Vaters hat sie mich geheiratet und darauf bestanden. Sie ist einfach unglaublich und wunderbar. Eine solche Frau muss einfach begnadet sein, ein Engel, mein Engel, meine Seele und mein Herz.“ Kyriakos sprach mit einer Leidenschaft, die noch durch das Leuchten in seinen Augen verstärkt wurde.